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Beitrag: Gastbeitrag von Harald Welzer: Herr Tur Tur und das Wirtschaftswachstum

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4. Oktober 2018

Gastbeitrag von Harald Welzer: Herr Tur Tur und das Wirtschaftswachstum

Ist Wachstum der Schlüssel zu gesellschaftlicher Entwicklung? „Nein“, meint Soziologe Harald Welzer – zumindest nicht in westlichen Gesellschaften, die bereits im Überfluss leben. In seinem Gastbeitrag schildert er, was der Scheinriese Tur Tur mit der Wirtschaft zu tun hat. Mehr zum Thema „Grünes Wachstum“ lesen Sie in unserem aktuellen Newsletter.

Von Harald Welzer

Wachstum ist für entwickelte Volkswirtschaften so etwas Ähnliches wie Herr Tur Tur. Sie erinnern sich: das ist der freundliche Herr aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, der aus der Ferne betrachtet riesengroß aussieht und immer kleiner wird, je näher man ihm kommt – ein Scheinriese. Für Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung gilt Wachstum als die conditio sine qua non, aber es könnte sein, dass das gar nicht stimmt.

In einem umfangreichen Buch namens „Aufklärung jetzt!“ listet der amerikanische Kognitionspsychologe Steven Pinker gerade eine beeindruckende Fülle von positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf – vom Rückgang der Gewalt über die erfolgreiche Bekämpfung der Kindersterblichkeit, den Rückgang von Hunger und Armut und vieles mehr. Sein Hauptverantwortlicher für solchen Fortschritt ist die Verbreitung und Anwendung von Wissen, nicht Wachstum.

Das Mantra des segensreichen Wachstums

Andere nennen die Emanzipation der Frauen, die Etablierung stabiler Staatlichkeit, die Alphabetisierung, digitale Kommunikation als wichtige Faktoren für gesellschaftliche Entwicklung, und genau betrachtet, sind es hauptsächlich nur noch Ökonomen und Politiker, die das Mantra des segensreichen Wachstums beten. Kein Kommunique nach einem G7- oder G20-Gipfel, das nicht mehr Wachstum verspräche, kein Koalitionsvertrag einer deutschen Regierung, kein Wahlversprechen irgendeiner Partei, das nicht Wohlergehen durch Wachstum voraussetze, und sei es eben zur Not auch ein grünes.

Naja, wenn damit gemeint sein soll, dass man wirtschaftliches Wachstum absolut vom Ressourcen- und Energieverbrauch entkoppeln könnte, dann könnte man ebensogut auch lila-gestreiftes oder rosa-gepunktetes Wachstum fordern: denn wenn irgendwo wirtschaftlich etwas wächst, ist dafür mehr Material umgesetzt worden, und dafür war mehr Energie erforderlich. So ist das Leben, egal welche Farbe die Brille hat, durch die man es betrachtet.

Andererseits: Wenn man, wie es auch in der Bundesrepublik lange Zeit der Fall gewesen ist, bei drei Prozent mehr Staatsverschuldung pro Jahr zwei Prozent mehr Wirtschaftswachstum generiere, spricht das auch nicht gerade für dessen beglückende Wirkung.

Und schließlich: Brauchen wir in Zeiten, in denen mehr Menschen an Übergewicht als an Unterernährung leiden, in denen mehr Zeit mit Konsumentscheidungen als mit Konsum verbracht wird, in denen 40 Prozent der gekauften Klamotten ungetragen im Schrank hängen und in der gleichen Größenordnung Lebensmittel weggeworfen werden, tatsächlich noch mehr Wachstum?

Um in den reichen Ländern mehr persönliches Glück zu erleben sicher nicht. Die Glücksforschung belehrt uns seit langem darüber, dass ab einem bestimmten Niveau materieller Sicherung das persönlich empfundene Glück nicht mehr anwächst. Die Sättigungsgrenze liegt irgendwo bei 2000 Dollar im Monat. Für die reichen Gesellschaften hat der britische Ökonom Tim Jackson das Problem mal so formuliert: „Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld das wir nicht haben, und Menschen zu beeindrucken, die wir nicht ausstehen können.“

In den armen Gesellschaften sieht die Sache anders aus, da ist Wachstum zur Sicherung basaler Überlebensbedingungen wichtig, aber auch hier würde es nur seine Segnungen entfalten, wenn zugleich eine stabile Staatlichkeit dafür sorgt, dass sich nicht nur korrupte Eliten daran bereichern.

Kultivierung als Alternative?

Und grundsätzlich ist es so, dass wir uns aus ökologischer Perspektive und aus der des Klimaschutzes etwas anderes als Wirtschaftswachstum auch dann einfallen lassen müssten, wenn die konventionelle Ökonomie und die phantasiearme Politik recht hätten: denn die natürlichen Voraussetzungen unseres Überlebens halten noch mehr Wachstum im globalen Maßstab einfach nicht aus – Daten dazu stellen die Klimaforschung, die Bodenforschung, die Ozeanologie, die Zoologie, die Geologie, überhaupt alle naturwissenschaftlichen Disziplinen in Fülle bereit. Wie wäre es daher zum Beispiel mit einem ganz klassischen Konzept namens Kultivierung? Ich arbeite mit dem, was da ist, und bemühe mich darum, es zu verfeinern. Das ist nicht nur für die Rosenzucht anwendbar, sondern in vielen Bereichen: die Bauwirtschaft muss nur weniger abreißen und mehr im Bestand bauen, Zeitwohlstand macht glücklicher als Güterwohlstand, und vieles lässt sich durch Teilen multipel nutzen.

Aber um auf den Anfang zurückzukommen: vielleicht müssen wir einfach nur aufhören, uns um das Wachstum Gedanken zu machen, wenn es tatsächlich nur ein Scheinriese ist. Wir hätten, siehe Steven Pinker, mehr Aufmerksamkeit und Zeit, uns um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. Und die Ökonomie ersetzen wir durch eine lebensdienliche neue Disziplin: Kultivierungswissenschaft. Abgekürzt: rer kult, hört sich doch cool an.

Lesen Sie außerdem den letzten Gastbeitrag von Marina Weisband zum Thema Energiebildung und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert. Hier geht es zur Anmeldung.

 

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Kategorien: Allgemein
Schlagwörter: Gastbeitrag und Harald Welzer


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