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25. September 2018

Bruchlandung, Schrottplatz oder Montage? Was hinter dem „Third Space“ steckt

Der Rumpf des Militärflugzeugs ist aufgeschnitten. Der hintere Teil der alten Transall C-160 wurde mit einem Stück einer Boeing ergänzt. Eine Treppe aus Holz führt aus dem Inneren des mittleren Flugzeugteils heraus. Beide Tragflächen wurden abmontiert und auf der gleichen Seite angebracht. Der vordere Teil ist von einem überdachten Gerüst umgeben. Fliegen kann man mit diesem Flugzeug ganz sicher nicht.

Muss auch nicht sein, denn die ehemalige Maschine der deutschen Luftwaffe diente in den vergangenen Wochen als Festivalzentrum der Ruhrtriennale 2018. Es heißt „Third Space“ und stand auf dem Vorplatz der Bochumer Jahrhunderthalle. Dort wurde es zum Ort der Begegnung, Schauplatz für Workshops, es wurden Filme geschaut und Diskussionen geführt. Flexibel sollte es sein und ein Raum für alle werden – eine Herausforderung für die Architekten von raumlaborberlin. Im Interview erklärt Architekt Benjamin Foerster-Baldenius, wie es dazu kam und wie der Ort funktioniert hat.

Herr Foerster-Baldenius, warum stand auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle ein Flugzeug?
Die Installation ist als ironischer Kommentar zu dem monumentalen Gebäude entstanden. Mit der langen Glasfassade besitzt es weder die Typologie eines Kultur- noch die eines Industriebaus. Wenn man davor steht, denkt man, das sei der Hauptbahnhof oder ein Flughafenterminal von Bochum. Und das ist ein Problem. Das Gebäude ist so groß, da haben kleine Formate gar keine Chance. Man braucht allein für das Foyer 20 Mitarbeiter. Das passt eigentlich nicht zu der kleinteiligen Stadt Bochum.

Und „Third Space“ passte besser?
Bei der Ruhrtriennale ging es um die Fragen, die Künstler aus aller Welt beschäftigen. Ein Flugzeug ist ein gutes Symbol für viele dieser Fragen. Bei unserer Installation wussten die Besucher nicht, ob das Flugzeug eine Bruchlandung hingelegt hat, gerade aufgebaut wurde oder ob wir es zerlegen oder umbauen. Und genau das war es ja – der Umbau von einem Flugzeug zu einem Veranstaltungsort. Wir fanden es gut, das im Raum stehen zu lassen.

Also war es ein Kunstwerk, das jeder selbst interpretieren sollte?
Sozusagen. Wir sind aber keine Künstler, wir sind Architekten. Meistens haben die ja den Auftrag, ein Haus zu bauen und es dem Nutzer zu übergeben. Der entscheidet, was damit passiert. Wir bauen aber Räume bei denen wir an der Programmierung mitarbeiten. „Third Space“ sollte ein Treffpunkt für die Menschen in Bochum sein. Vor allem aber auch ein Ort, an dem man kleinere künstlerische Auseinandersetzungen präsentieren kann. In den meisten Räumen der Triennale muss man mit mindestens 500 oder 1.000 Besuchern planen. So wie in der Jahrhunderthalle. Damit schließt man viele künstlerische und relevante Formate aus. „Third Space“ hat diesen Formaten einen Platz bei der Ruhrtriennale gegeben.

Wie reagierten die Besucher darauf?
Sehr unterschiedlich. Als wir es aufbauten, kamen viele Leute vorbei, die sich explizit für das Flugzeugmodell interessierten. Es ist eine Transall C-160, die von der deutschen Luftwaffe ausgemustert wurde. Es kamen viele vorbei, die von ihrer Bundeswehr-Zeit erzählten, als sie mit diesem Typ geflogen sind. Der Flugzeugtyp schien auch bei Modellbauern sehr beliebt zu sein. Die freuten sich, es auch mal in Natura zu sehen.

Was passierte während der Ruhrtriennale?
„Third Space“ war ein sehr belebter Ort. Neben den Besuchern der Ruhrtriennale kamen auch viele Bochumer auf ihren Ausflügen mit dem Rad dorthin. Und dann fanden natürlich auch Veranstaltungen statt – von Lesungen, Performance, Film, Diskurs, Mitmach-Werkstatt bis hin zur Party. Uns war es wichtig, dass dies ein Ort für die Menschen in Bochum wird.

Haben Sie die Besucher deswegen dazu aufgerufen, sich zu beteiligen?
Genau. Jeder durfte mitmachen. Bei der Organisation, beim Umbau des Flugzeugs oder auf andere Art. Wir veranstalteten Workshops, in denen wir zum Beispiel Stühle für „Third Space“ bauten. Es gab eine Siebdruck- und Metallwerkstatt, wo sich jeder ausprobieren konnte. Wir haben außerdem abgefragt, was wir im nächsten Jahr noch verbessern sollten. Ich denke, wir müssen die Bochumer noch mehr zur Ruhrtriennale holen. Mit Projekten wie „Third Space“ können wir einen Prozess anstoßen, der zur Aneignung führt.

Ist die Ruhrtriennale noch nicht auf die Bedürfnisse der Menschen aus dem Ruhrgebiet zugeschnitten?
Es ist eine hochkarätige Kunstshow. Das soll sie auch sein. Aber für viele Bewohner des Ruhrgebiets ist vielleicht die Schwelle manchmal etwas hoch, um eine teure Karte für ein avantgardistisches Musiktheaterstück zu kaufen. Die Leute im Ruhrgebiet interessieren sich dennoch für schräge und experimentelle Kunst. Man muss ihnen nur die Tür öffnen, damit sie sich hinein trauen. So wie bei der Ruhrtriennale 2017 mit der Installation „White Circle“ von Carsten Nikolai. Das war ein offener Raum mit Licht- und Klanginstallationen. Das war schräge Kunst, erfahrbar für alle. Und das wollen wir auch mit „Third Space“ erreichen. Ein Ort der Kunst und des Zusammenseins, der für alle zugänglich und sichtbar ist.

Die Konstruktion ist nun eingelagert – bis zur Ruhrtriennale 2019. Dann entsteht das Festivalzentrum „Third Space“ neu, jedes Jahr mit neuen Elementen und das bis zur Ruhrtriennale 2020. Wir freuen uns darauf!

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Kunst und Ruhrtriennale


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