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Beitrag: Gastbeitrag von Marina Weisband: Die kleinen Wächter des Planeten

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9. August 2018

Gastbeitrag von Marina Weisband: Die kleinen Wächter des Planeten

Energiebildung fängt im Kleinkindalter an, schreibt unsere Gastautorin Marina Weisband in ihrem aktuellen Beitrag. Und wir Erwachsenen tun gut daran, schon den Kleinsten zu vermitteln, dass das, was da aus Steckdose oder Wasserhahn kommt, eben nicht selbstverständlich ist. Mehr zum Thema Energiebildung lesen Sie in unserem aktuellen Newsletter.

Von Marina Weisband

Auf ihren Babyfüßchen watschelt meine Tochter zum Lichtschalter. In letzter Zeit drückt sie gern drauf, damit das Licht an und aus geht. Für sie ist es wie Magie. Sie drückt auf einen Knopf und es wird hell. Sie hat kein Konzept von Strom, keine Vorstellung davon, wo er herkommt, was er kostet, wie viel es davon gibt oder wie viel wir verbrauchen. Für sie sind Bildschirme eine ebensolche Selbstverständlichkeit wie Tapeten. Es ist für mich erstaunlich, sie dabei zu beobachten, wie sie Touchscreens mit derselben Leichtigkeit bedient, wie sie in Bilderbüchern blättert. Nichts daran ist für sie modern oder teuer oder außergewöhnlich. Strom ist für sie ein fester Bestandteil ihres Lebens. Unsichtbar und immer verfügbar.

Dieses Gefühl der selbstverständlichen Verfügbarkeit von elektrischer Energie wird die meisten Menschen ihr Leben lang begleiten. Es ist so leicht, etwas als gegeben hinzunehmen, das weder unsere Aufmerksamkeit, noch unsere physische Arbeit erfordert. Dabei lohnt es sich, bei unserem steigenden Verbrauch, zu vermitteln, dass diese Arbeit ja trotzdem getan wird. Wo? Von wem? Wie viel?

Wenn meine Tochter ihren Brummkreisel dreht, sieht sie die Arbeit unmittelbar. Sie schiebt die Metallstange hinunter, der Kreisel dreht sich. Je mehr Kraft sie investiert, desto schneller dreht er sich. Ich wünsche mir das gleiche – für eine Weile, als Experiment – für meinen Fernseher. Wenn ich auf einem Fahrrad strampeln müsste, wie lange könnte ich den Fernseher betreiben? Wie hart müsste ich strampeln, um ihn im Standby-Modus zu halten? Ich habe nicht die geringste Vorstellung.

Das theoretische Wissen um Herkunft und Kosten einer Ressource ist kein Ersatz für das praktische Erleben. In unserem modernen Leben wissen wir Menschen eine Menge Dinge theoretisch, die wir nicht wirklich verstehen. Aber zum Handeln brauchen wir das Verstehen. Handeln bedeutet, nur soviel Energie zu verbrauchen, wie notwendig ist. Sich die eigenen Bezugsquellen richtig zu wählen. Und sich im Zweifel auch politisch für nachhaltigen Umgang mit Energie einzusetzen. Sich in dieses Thema hinein zu arbeiten erscheint vielen Erwachsenen nervig. Sie haben andere Sorgen, nichts läuft am Schnürchen im Erwachsenenleben. Da ist es praktisch, wenn wenigstens die Magie aus der Steckdose funktioniert, ohne dass man darüber nachdenken muss. Aber wissen Sie, wer es nicht nervig findet? Kinder.

Als Kind habe ich selbstsüchtig über unseren Wasserverbrauch gewacht 

In der dritten Klasse las ich selbstständig meinen ersten Text auf deutsch. Es war „Sophie und Vaters Wasserwerk“. Der Text beschrieb, woher in einem Haus das Wasser kommt, wie es aufbereitet wird, wo und wofür es verwendet wird, und wo es nach der Verwendung hin fließt. Die nächsten Wochen und Monate verbrachte ich damit, eifersüchtig über unseren Wasserverbrauch zu wachen. Während meine Mutter sich die Zähne putzte, drehte ich den Wasserhahn zu. Ich sagte: „Du verschwendest das ganze saubere Wasser! Mach es wieder an, wenn du es brauchst!“.

Bis heute verbrauche ich Wasser bewusst, selbst wenn ich in einem Land lebe, in dem wir eigentlich sogar mehr als weniger Wasser durch das Leitungsnetz laufen lassen müssten, weil das für dessen Langlebigkeit besser wäre. Aber das ist ein anderes Thema. Was ich gemerkt habe: Wenn Kinder verstehen, was eine Ressource ist, können sie die einsichtigsten Wesen dieses Planeten sein.

Wie können wir Kindern Energie so erfahrbar machen, dass ihr Umgang damit bis ins Erwachsenenalter bewusst wird?

Praktische Energie-Erziehung: Wenn Kinder Batterien vom eigenen Taschengeld kaufen müssen

Endliche Energie lernen Kinder dann kennen, wenn sie mobile Geräte benutzen. Jugendliche versetzen ihr Handy heutzutage in den Energiesparmodus oder machen es ganz aus, wenn sie glauben, es später noch dringend zu brauchen. Auch viele aus meiner Generation erinnern sich noch daran, wie sie während einer Autofahrt um den Batteriestand des Gameboys gebangt haben. Meine Mutter verwendete damals einen cleveren Erziehungstrick: Sie hat mich Batterien von meinem eigenen Taschengeld kaufen lassen. Was hatte ich plötzlich für ein Bewusstsein vom Wert jeder verdaddelten Minute! Und spielte gleichzeitig auch insgesamt weniger.

Sobald das Gerät ein endliches Leben hat, ist die Selbstverständlichkeit der Verfügbarkeit von Strom plötzlich gar nicht mehr so groß. Die letzte Hürde bleibt die Steckdose. Sie wird immer noch als unerschöpflicher Quell magischer Energie verstanden.

Eine Art, zu lernen, wo Strom überall gebraucht wird, besteht darin, mal einen Tag ohne auszukommen. Machen Sie ruhig mal dieses Experiment. Wenn ich in meine ukrainische Heimat fahre, mache ich es immer mal wieder unfreiwillig. Es ist am Ende doch immer überraschend, was alles nicht funktioniert und wie abhängig wir im Grunde vom Strom aus der Dose sind.

Luxus verpflichtet – auch mit Blick auf Energie 

Man kann Kindern verschiedene Arten zeigen, Strom herzustellen. Allein die physische Nähe zu einem Kohlekraftwerk, einem Wasserkraftwerk oder zu Windrädern hinterlässt Eindrücke. Wieviel Material müsste ich eigentlich verbrennen, um mein Smartphone eine Stunde zu betreiben? Ich weiß es nicht. Aber ich würde dieses Material gern auf einem Haufen vor mir sehen.

Oft betreiben Schulen solche Aufklärungsarbeit. Aber nicht sie allein sind gefragt. Museen und Kraftwerke sind wichtig als Orte, die aus Neugier aufgesucht werden können und anschauliche Antworten liefern. Vor allem sind es natürlich die engsten Bezugspersonen – beispielsweise die Familie -, die ein Beispiel setzen.

Solche Energieerziehung ist wichtig. Denn Kinder sind von Natur aus neugierig und tragen gern Verantwortung. Sie sollten nicht als kleine Konsumenten der Welt aufwachsen, die alles serviert bekommen und nicht wissen, woher. Es ist gut, dass wir in dem Luxus leben, versorgt zu sein. Aber das verpflichtet uns bloß noch mehr, hinter die Kulissen dieses Wohlstands zu blicken, um verantwortungsvoll mit ihm umzugehen.

Wenn meine Tochter künftig hinter mir herläuft und wütend das Licht ausmacht, nachdem ich einen Raum verlassen habe, werde ich wissen, dass sie sich auch um unseren Planeten kümmern wird.

Lesen Sie außerdem den letzten Gastbeitrag von Marina Weisband zum Thema Bitcoin und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert. Hier geht es zur Anmeldung.

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Kategorien: Bildung
Schlagwörter: Gastbeitrag


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