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Beitrag: Gastbeitrag von Harald Welzer: „Utopien sind der Ausweg aus der Sackgasse der Gegenwart“

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14. Juni 2018

Gastbeitrag von Harald Welzer: „Utopien sind der Ausweg aus der Sackgasse der Gegenwart“

So wenig Vision war nie. Sagen wir mal: seit 1989, also seit nunmehr einer Generation. Der Zusammenbruch des Ostblocks und das vermeintliche Ende der Geschichte (gemeint war damit der finale Sieg des liberalen Westens) waren der letzte Epochenbruch, ab dem noch etwas Neues zu beginnen schien, aber am Ende erwies es sich leider als eine Art Epilog des Westens.

Seither ist es nämlich, wie in einem Treppenwitz der Geschichte, für den Westen eher ab- als aufwärts gegangen. In multiplen Krisen – vom Zusammenbruch der Finanzmärkte über Klima- und Ökodesaster bis hin zur Rückkehr der Autokratien und Diktaturen – kam fast alles anders als gedacht. Und die Europäische Union, gebeutelt von innen wie von außen, kommt einem vor wie jemand, der sein brennendes Haus mit einem Zahnputzbecher Wasser zu löschen versucht.

Aber: Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, lautet ein altes Sprichwort, darf man den Kopf nicht hängen lassen. Im Gegenteil: Man sollte dann zumindest einen Horizont haben, der Orientierung liefert. Und jetzt mal Schluss mit den Metaphern: Es könnte sein, dass die Gegenwart für den Westen gerade deshalb so fatal aussieht, weil er seit Jahrzehnten versäumt hat, Zukunft zu denken und zu entwickeln.

Dank Utopien zu mehr Gerechtigkeit

Und damit sind nicht die anachronistischen Versprechen der schönen smarten Bequemismuswelt der Digitalwirtschaft gemeint, die bis in die Begriffe und Bilder hinein der aufgewärmte technologische Fortschritt der 1950er Jahre sind – damals spielte das Atom dieselbe Rolle, die heute die Daten als angeblicher Rohstoff übernommen haben. Nein, damit ist das Versäumnis gemeint, die Moderne für das 21. Jahrhundert weiterzudenken: also Utopien für einen demokratischen Rechtsstaat zu entwickeln, der auf ein anderes, nicht zerstörerisches Naturverhältnis baut als der Kapitalismus, wie wir ihn kannten.

Diese Utopie würde eine Welt entwerfen, in der die zivilisatorischen Güter der Moderne wie politische und soziale Teilhabe, Gewaltenteilung, rechtliche Gleichstellung aller Bürgerinnen und Bürger, Bildungs- und Chancengleichheit jenseits von Wachstumszwängen gewährleistet werden, die die natürliche Grundlage des Lebens und Überlebens unterminieren (und im Übrigen zu genau jenen Folgen führen, die den Westen gerade multipel unter Stress setzen). Mit anderen Worten: Eine moderne Ökonomie zu entwickeln, die nicht ihre eigenen Voraussetzungen konsumiert.

Utopie Harald Welzer
Welchen Weg werden wir in unseren Städten einschlagen?

Her mit den Utopien, weg mit dem Tunnelblick

Aber dafür brauchen wir erstmal die Wiedergewinnung von Möglichkeitsräumen, und die gewinnt man, wenn man utopisch denkt. Das bedeutet ja nicht gleich, dass die Utopien Wirklichkeit werden sollen, sondern es geht eher um einen methodischen Kunstgriff: In der Gegenwart hat man sich angewöhnt, von der Gegenwart her zu denken und Zukunft gewissermaßen als Hochrechnung des Heutigen zu betrachten. Wenn man so Zukunft entwirft und beispielsweise über Mobilität nachdenkt, startet man beim Auto und landet allenfalls beim autonom fahrenden Auto. Das ist aber immer noch ein Auto und damit ein völlig anachronistisches Verkehrsmittel, das im 21. Jahrhundert niemand mehr braucht, schon gar nicht in Städten.

Wenn ich dagegen utopisch denke, kann ich eine autofreie Stadt entwerfen und lande bei einer völlig anderen Verkehrsinfrastruktur, beim kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, vernetzten Fahrrad-, Shuttle-, Bus-, Schiff-, Tramsystemen und entdecke ganz nebenbei die Stadt als analogen Ort der Vergemeinschaftung wieder. Um also die in vielerlei Hinsicht sackgassenhaft gewordene Gegenwart überschreiten und dem stressgesteuerten Tunnelblick entrinnen zu können: dafür brauche ich Utopie.

Auch eine Lösung in der Flüchtlingspolitik: die Grenzen abschaffen

Und, wenn man den Blick auf andere gesellschaftliche Fragen – soziale Frage, Energieversorgung, Klimawandel, Bauen, Demokratie, Migration usw. – richtet, kommt man zu tragfähigen Ideen nur dann, wenn man sich von der Schwerkraft des status quo löst und einfach davon ausgeht, dass alles anders sein könnte. Ist nämlich menschengemacht und kann deshalb auch menschengeändert werden.

Warum nicht, wie Rutger Bregmann vorschlägt, das „Flüchtlingsproblem“ dadurch lösen, dass man die Grenzen abschafft (die sind ohnehin eine historisch junge Angelegenheit)? Oder die Armut beseitigt, indem man den Armen Geld gibt? Utopisches Denken hat in Zeiten, in denen die sogenannte Realpolitik nur bastelt und stochert und vor lauter Problemsicht eben keinen konzeptuellen Horizont mehr entwickelt, den Realismus auf seiner Seite.

Denn wir alle wissen doch, dass gerade in ökologischer Hinsicht – und das ist nach wie vor die Zukunftsfrage schlechthin, denn da geht es ums Überleben – ein Großexperiment stattfindet, dessen Ergebnis klar ist. Denn die Fragestellung lautet ja, ob eine endliche Welt unendliches Wachstum erlaubt. Und die Antwort: nein, natürlich nicht. Wäre es da nicht realistischer, Experimente des Wirtschaftens, der Energieerzeugung und -nutzung, der Mobilität, des Arbeitens usw. durchzuführen, deren Ergebnis zumindest noch nicht feststeht? Solche Experimente wären konkrete Utopien, Dinge, die man probieren kann und sehen, was davon funktioniert. Sie sind mehr an der Zeit als alles andere.

 

Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. Er hat unter anderem Bücher wie ›Selbst denken‹ (2013), ›Autonomie. Eine Verteidigung‹ (zus. mit Michael Pauen, 2015), ›Die smarte Diktatur. Ein Angriff auf unsere Freiheit‹ (2016) und zuletzt ›Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft‹ (2017). Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.

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Kategorien: Soziale Innovation
Schlagwörter: Gastbeitrag, Harald Welzer, Innovation und Stadterneuerung


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