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8. Juni 2018

Erzählte Energie: Wie Nachkommen der „Gastarbeiter“ die Energiewende vorantreiben

Vor knapp 70 Jahren kamen die ersten „Gastarbeiter“ nach Deutschland, um unter anderem in den Bergwerken zu arbeiten. Keiner von ihnen dachte daran, für immer in Deutschland zu bleiben – doch heute arbeiten ihre Kinder und Enkel an der deutschen Energiewende. Das Ausstellungsprojekt „Erzählte Energie“ widmet sich diesem Wandel.

Der Begriff „melting pot“ ist vor allem aus den USA bekannt. Er bezeichnet das Zusammenleben zahlreicher Menschen verschiedener Nationen. Ihre Kulturen verschmelzen miteinander und legen den Grundstein für eine neue gemeinsame Gesellschaft. Deutschlands größter „melting pot“ ist demnach wohl der Ruhrpott.

„Wir dachten alle, wir gehen wieder zurück“

In den 1950er und 1960er Jahren kamen wegen des Mangels an Arbeitern tausende junge Männer aus der Türkei, Italien, Griechenland, Marokko und Korea nach Deutschland. Sie arbeiteten in der Stahlindustrie, der Gesundheitsversorgung und besonders seit den 1970er Jahren im Bergbau des Ruhrgebiets. Das deutsche Wirtschaftswunder brauchte diese Menschen zwar dringend als Arbeitskräfte, an einer gesellschaftlichen Integration waren allerdings weder die Unternehmen noch der deutsche Staat sonderlich interessiert. Es gab keine Sprachkurse, keine Freizeitangebote, stattdessen aber Besuchsverbot in den Wohnheimen. Auch die Arbeiter selbst dachten nicht daran, dass sie länger als ein paar Jahre bleiben würden, die meisten wollten wieder zurück in die Heimat. Doch sie blieben, holten ihre Familien nach und leben inzwischen in dritter oder vierter Generation in Deutschland. Ihre Integration haben die Familien schließlich selbst übernommen.

Der Großvater Bergbauarbeiter, der Enkel Ingenieur für Erneuerbare Energien

„Während der Großvater vor 40 Jahren im dunklen Berg Kohle abbaute, studiert sein Enkel heute Ingenieurswesen für Erneuerbare Energien“, sagt Dr. Karin Yeşilada. Und genau an dieser Stelle setzt „Erzählte Energie“ an, das Projekt, das am Lehrstuhl für Germanistische Literaturdidaktik der Ruhr-Universität Bochum unter Leitung von Prof. Sebastian Susteck angesiedelt ist und von Yeşilada geleitet wird. „Das Projekt untersucht die zweifache Modernisierung Deutschlands – durch Einwanderung und Energiewende“, erläutert Yeşilada. Zusammen mit Fotografin Emine Ercihan interviewt sie Menschen, die im Bergbau tätig waren oder mit Erneuerbaren Energien arbeiten. Dazu gehören auch jene jungen Menschen, deren Familien zwar eingewandert, nicht unbedingt aber im Bergbau tätig waren. Doch auch in der erweiterten Perspektive wird die Modernisierung Deutschlands durch den Wandel im Energiesektor und durch die Einwanderungsgesellschaft sichtbar.

Früher schufteten sie im Kohleabbau, jetzt sind sie Ingenieure der Energiewende. Das Thema der Energie und ihrer Erzeugung ist also in vielen„Gastarbeiterfamilien“ aus dem Ruhrgebiet tief verwurzelt. Das Verständnis für die Geschichte des Bergbaus und den notwendigen Wandel hin zu Erneuerbaren Energien ist hier präsenter als beispielsweise in Süddeutschland. So blicken die ehemaligen Kumpel aus der Türkei oder Italien auch etwas wehmütig zurück, während sie ihre Nachkommen beim Bildungsaufstieg und dem Engagement für die Energiewende unterstützen. „Sie bedauern den Niedergang der Bergbaukultur im Ruhrgebiet, auch wenn sie wissen, dass die Energiewende das erfordert“, weiß Karin Yeşilada. Sie vermissen die Gemeinschaft und das Familiengefühl, das unter den Bergbauarbeitern herrschte. Ganz egal aus welchem Land man kam.  

Schüler sollen sich mit den Geschichten identifizieren

Die geplante Ausstellung „Erzählte Energie“ soll zeigen, dass „die damalige Anwerbung der Gastarbeiter für den Bergbau im Ruhrgebiet das Fundament der Energiewende mitbildet“, erläutert die Projektleiterin. Doch sie macht auch auf die damaligen Lebensumstände aufmerksam. Obwohl viele Arbeiter eine positive Bilanz ziehen und dankbar für die Arbeit und den Bildungsaufstieg ihrer Kinder sind, spürt man eine gewisse Melancholie in ihren Erzählungen. Ihr Weg in die deutsche Gesellschaft war hart und mit vielen Hindernissen verbunden.

Die geplante Ausstellung ist ab 2019 vor allem in Schulen zu sehen. Die Schüler sollen sich mit den Geschichten identifizieren können, denn viele stammen selbst aus eben solchen eingewanderten Familien. Neben den Portraits der Einwanderer und ihrer Familien werden auch Videobotschaften der Nachkommen gezeigt. Sie erklären in ihrer ursprünglichen Muttersprache, weshalb sie sich gerade für die Erneuerbaren Energien interessieren und engagieren – und warum die Schüler diesen Weg ebenfalls einschlagen sollten.

Nebenbei eröffnet sich durch das Projekt auch ein neues Forschungsfeld für die Literaturwissenschaft. Denn während es über den Bergbau schon sehr viel zu lesen gibt, handelt kaum ein Roman von Erneuerbaren Energien. Lediglich ein paar Krimi-Autoren haben sich des Themas angenommen.

Erzählen Sie Ihre Energiegeschichte

Sie haben auch eine Einwanderungs- und Energiegeschichte zu erzählen? Dann melden Sie sich bei uns. Die Ausstellung „Erzählte Energie“ wird ab Sommer 2019 zu sehen sein. Bis dahin erfahren Sie alle wichtigen Infos rund um das Projekt in unserem Blog oder auf der Projektseite.

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Energiewende und Ruhrgebiet


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