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Beitrag: Gastbeitrag von Marina Weisband: Bitcoin – eine halbe Erfindung

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19. April 2018

Gastbeitrag von Marina Weisband: Bitcoin – eine halbe Erfindung

Ein Hype muss nicht immer an der Zerstörung gemessen werden, die er verursacht. Aber im Fall von Bitcoin ist das angemessen. Bitcoin ist keine Erfindung. Bitcoin ist eine halbe Erfindung, eine Alpha-Version von etwas, das vielleicht mal nützlich sein wird. Es ist mir in Zeiten von oberflächlicher Faszination wichtig zu betonen, wie schädlich solche Kryptowährungen momentan für das Klima sind, wie wenig echter Nutzen diesem Schaden entgegen steht und wohin die Entwicklung gehen muss, um das zu ändern.

Um mir zu folgen, müssen Sie nicht viel über Bitcoin wissen: nur dass es die am weitesten verbreitete und bekannteste Kryptowährung ist, dass sie der erste Anwendungsfall der angesagten Technologie „Blockchain“ ist und dass Erzeugung und Handel von Bitcoin jährlich fast so viel Energie verbrauchen wie die gesamte Schweiz (58,83 TWh lt. Bitcoin Energy Consumption Index). Und das ist nur Bitcoin. Daneben existieren viele andere Kryptowährungen, die auf der Blockchain-Technologie basieren. Weitere Anwendungsfälle sind geplant, und Start-Ups gelten allein deswegen als zukunftsweisend, weil sie das Wort „Blockchain“ im Namen führen. Scheinbar ist die Begeisterung um so größer, je weniger Investoren über die Hintergründe wissen. Können aber Währungen, die so viel Energie verschlingen, nachhaltig sein? Und warum sind sie eigentlich so aufwändig?

Wie funktioniert die Blockchain?

Dazu ist ein kurzer Exkurs in die Technologie der Blockchain notwendig. Sie findet überall dort Anwendung, wo man einer zentralen Institution (wie einer Bank, im Fall von klassischen Geldtransfers) nicht vertraut. Stattdessen möchte man ein dezentrales Netzwerk haben, in dem alle Teilnehmer Informationen teilen und gegenseitig bestätigen. Im Fall von Bitcoin sind die Informationen Transaktionen – also wer wem wieviel Geld überwiesen hat.

Stellen Sie sich vor, es handle sich um ein Haushaltsbuch, von dem jeder Benutzer eine exakte Kopie hat und alle Transaktionen auf eine Seite schreibt. Das ist dann ein „Block“. Zum Beispiel: „Benutzer #14 hat Benutzer #7 100 Bitcoin überwiesen. Benutzer #64 hat…“ und so weiter. Nun hat jeder seine eigene Version dieser Seite. Aber nur eine Version wird in das Haushaltsbuch geheftet. Nur eine Person darf ihren Block an die Kette anhängen. Die anderen bestätigen die Richtigkeit dieser Aufzeichnungen und löschen ihre eigenen. Eine neue Seite, also ein neuer Block, wird angefangen. Die erste Information, die er enthält, ist eine Prüfsumme aller Transaktionen des vorherigen. So kann der vorherige Block nicht verändert werden, ohne dass der folgende fehlerhaft würde.

Lotto statt Arbeit

Marina Weisband Bitcoin

Aber wer darf seine Seite einheften? Darüber entscheidet das, was bei Bitcoin im Moment „Proof of Work“ heißt. Sie werden oft lesen, dass es sich dabei um das Lösen eines Matherätsels handelt. Wer es zuerst löst, darf seine Seite in das Buch heften. Als Belohnung gibt es eine festgelegte Anzahl Bitcoins. Dieser Prozess wird als Mining oder Schürfen bezeichnet.

Diese Bezeichnungen sind irreführend, denn es ist weniger stetige Arbeit, sondern eher eine Lotterie. Die richtige Lösung für das Rätsel wird eher erraten, als berechnet. Wer sie errät, gewinnt alles. Alle anderen gehen leer aus. Etwa alle 10 Minuten errät jemand die richtige Antwort, etwa so oft entsteht also ein neuer Block. Um so komplexe Berechnungen anzustellen, braucht es Hochleistungshardware. Diese muss arbeiten und gekühlt werden, das verbraucht sehr viel Strom. Wieviel genau, hängt unter anderem von der Leistungsfähigkeit der Chips ab. Und da die Matherätsel immer komplexer werden, je mehr Bitcoins es gibt, wächst der Energieverbrauch stetig.

Kohle für Spekulanten

Mit Blick auf die Nachhaltigkeit spielt es auch eine Rolle, welche Art von Energie genutzt wird. Weil die Hardware so spezialisiert und teuer ist, minen Privatpersonen kaum noch Bitcoins. Es sind vielmehr große, ironischerweise relativ zentralisierte Operationen, die damit noch lukrativ im Geschäft sind. Die suchen sich natürlich die billigsten Energiequellen. In Deutschland ist der Strom schon lange zu teuer. Während es einen neuen Trend gibt, der Miner nach Skandinavien zieht, wo sie Energie aus Wasserwerken beziehen, gibt es den günstigsten Strom immer noch aus Kohlekraftwerken in der Mongolei, wo ein Großteil der Rechenzentren angesiedelt sind. Entsprechend katastrophal ist die Klimabilanz dieses Unterfangens.

Dort stehen also die modernsten Computer unserer Zeit, verbrennen so viel Kohle wie 5,4 Millionen Haushalte, um sich gegenseitig Zahlen zuzurufen, in der Hoffnung, dass eine davon die Zahl des Tages ist. Damit betreiben sie eine Währung, die wegen ihrer Wertschwankung und Ineffizienz nicht mal breit als Währung eingesetzt werden kann, sondern vor allem ein Wertpapier ist, auf das die Besitzer dieser Hardware spekulieren können. Kann das die Zukunft der Blockchain sein?

Zur Verteidigung der Technologie ist zu sagen, dass sie für viele Zwecke einsetzbar ist, nicht nur für Bitcoin. Es wurden verschiedene Anwendungsgebiete vorgeschlagen, von der Nachvollziehbarkeit von Lieferketten, über intelligente Verträge bis hin zu anonymen, aber dennoch sicheren digitalen Abstimmungen. Obwohl zum Zeitpunkt dieses Artikels der Autorin kein einziger Anwendungsfall aus der Praxis untergekommen ist, der nicht effizienter durch andere Mittel gelöst werden könnte, hat die Blockchain sicherlich Potential.

Wir sind auf der Schwelle

Dazu ist aber eines erforderlich: das Konzept „Proof of Work“ muss ersetzt werden. Es gibt dazu bereits ein paar Alternativvorschläge. Zum Beispiel „Proof of Stake“, wobei Nutzer statt der Lösung eines Rätsels ihre Coins verpfänden können, um das Privileg zu erhalten, einen neuen Block an die Kette anzuhängen. Das hat allerdings eigene Schwächen, indem es zum Beispiel reiche Teilnehmer mit noch mehr Reichtum belohnen könnte. Aber der Energieverbrauch wäre vernachlässigbar verglichen mit „Proof of Work“. Andere Konzepte werden entwickelt und getestet.

Wir sind auf der Schwelle, möglicherweise eine neue, nützliche Technologie zu entwickeln. Noch ist sie aber so ineffizient und schwerfällig, dass es eine große Übertreibung wäre, Bitcoin als die Währung der Zukunft zu bezeichnen.

Alles, was wir erfinden, soll uns das Leben erleichtern. Wenn es dabei aber mehr Ressourcen frisst, als wir vorher für dieselbe Aufgabe einsetzen mussten, ist es noch keine fertige Erfindung. Denn gerade auf die endlichste aller endlichen Ressourcen – unsere Erde – sollten wir genau achten, wenn wir Richtung Zukunft gehen.


Marina Weisband
© Lars Borges (Marina Weisband, Wir nennen es Politik)

Marina Weisband wurde 1987 in Kiew geboren. Ihre Familie zog 6 Jahre später im Zuge der Regelung für Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Weisbands politische Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Bildung und der Bürgerbeteiligung. In ihrem Buch „Wir nennen es Politik“ schildert sie die Möglichkeiten neuer demokratischer Formen durch Nutzung des Internets.
 Seit 2014 leitet sie bei politik-digital.de ein Projekt zur politischen Bildung und Beteiligung von SchülerInnen an den Angelegenheiten ihrer Schulen.


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Kategorien: Soziale Innovation
Schlagwörter: Digitalisierung


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