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14. März 2018

Von der Metamorphose der Menschheit

Interview: Sophia Wiesenberger

Die Biologie spielt seit Jahren eine zentrale Rolle im Werk von Andreas Greiner; der Künstler ist fasziniert von Mikroorganismen und autarken Natursystemen. In unserem Interview erzählt der VISIT-Stipendiat von der Algenzüchtung in seinem Elternhaus und wie sich Musik, Erzählungen und Naturwissenschaft in seinen Arbeiten ergänzen.

Herr Greiner, Sie sagten mal, die Neugier hätte Sie durch das Studium der Bildhauerei, Medizin und Kunst getrieben. Wurde diese Neugier inzwischen befriedigt?

Nein, zumindest nicht umfassend – ansonsten könnte ich ja mit meiner Arbeit aufhören! Mir macht das alles nach wie vor sehr viel Spaß, und ich probiere gerne weiterhin jeden Tag etwas Neues.

VISIT-Stipendiat Andreas Greiner in seinem Atelier

VISIT-Stipendiat Andreas Greiner in seinem Atelier

Seit Juni 2017 sind Sie VISIT-Stipendiat unserer Stiftung. Womit haben Sie sich in dieser Zeit beschäftigt?

Ich habe mich mit einem früheren Forschungsprojekt des RWE-Konzerns auseinandergesetzt, nämlich mit Algenreaktoren. RWE hatte vor ein paar Jahren ein Projekt, in dem das Kohlendioxid aus Kraftwerken abgefangen und in alte Bioreaktoren gespeist wurde. Damit düngte man Algen, die infolgedessen gewachsen sind und Sauerstoff produzierten. Ich habe zunächst mit den Wissenschaftlern gesprochen, die das Projekt damals betreuten, und bin das Thema dann künstlerisch angegangen.

Welche Projekte haben sich konkret daraus entwickelt?

Erst mal habe ich ein Tischaquarium kreiert. Das wird von unten mit Lautsprechern beschallt, sodass das Wasser in Bewegung gerät. In dem Aquarium leben Algen, die durch die Schwingungen zum Leuchten angeregt werden. Dann habe ich zusammen mit dem Komponisten Tyler Friedman ein Hörspiel und eine Rauminstallation dazu entwickelt, welche derzeit in der Ausstellung „There Will Come Soft Rains“ im Basis Frankfurt zu erleben sind.

Was ist das Besondere an dieser Installation?

Der Besucher kommt in einen halbdunklen Raum. In der Mitte steht ein Aquarium mit Algen. Außerdem erklingt aus vier Lautsprechern eine Geschichte, die mit Musik untermalt ist. Während der Besucher die Geschichte hört, wird es zunehmend dunkler. Der Höhepunkt der Erzählung handelt von einer Metamorphose – wir Menschen entwickeln uns zu einzelligen Algen. Wenn die Erzählung beschreibt, wie sich die Beine und Arme zurückbilden, der Mensch schrumpft und schließlich keine Muskeln mehr benötigt, liegt der Raum komplett im Dunkeln. In diesem Moment beginnen die Lautsprecher unter dem Aquarium zu vibrieren, bringen das Wasser in Bewegung und somit die Algen zum Leuchten.

Die Aquarium-Installation in Greiners momentaner Ausstellung

Die Aquarium-Installation in Greiners momentaner Ausstellung

Algen im Berliner Bärenzwinger

Am 23. März eröffnet die gemeinsame Ausstellung „Habitat“ von Ihnen und der Architektin Ivy Lee Fiebig in Berlin. Was können die Besucher dort entdecken?

Wir stellen im Berliner Bärenzwinger aus, wo bis vor einigen Jahren tatsächlich Bären als Wahrzeichen der Stadt gelebt haben. Dort zeige ich zusammen mit Ivy Lee Fiebig symbolische Installationen. Es geht um die metabolische Wechselwirkung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung durch den Austausch von Sauerstoff und CO₂ – oder einfacher ausgedrückt: ums Atmen.

Was genau können wir uns darunter vorstellen?

Wir versuchen, diesen Gaskreislauf mit skulpturalen Elementen zu verkörpern. Wir setzen das Wasser in dem Graben, der die Bären von der Flucht aus ihrem Zwinger abgehalten hat, mit einer Pumpe in Bewegung. Dadurch begünstigen wir das Algenwachstum im Wasser. Die Pumpe wiederum wird mit einem Fahrrad gesteuert. Wir machen aus diesem Graben quasi einen Bioreaktor. Gleichzeitig schirmen wir das Ganze ab und bauen ein geschlossenes System. Das heißt: Während ich die Pedale des Fahrrads trete, rege ich das Algenwachstum an. Den von den Algen produzierten Sauerstoff atme ich dann wieder ein.

Sie arbeiten häufig mit Tiefseealgen. Was fasziniert Sie daran?

Was mich an Lebewesen generell fasziniert: Sie nehmen sich gegenseitig wahr und reagieren aufeinander, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Als ich das erste Mal eine Flasche mit Algen in der Hand hielt, hatte ich das Gefühl, es gäbe eine wechselseitige Kommunikation. Wenn ich die Flasche schüttelte, leuchten die Algen auf. In den letzten sechs Jahren habe ich das weiter professionalisiert, erst im Haus meiner Eltern, später im Atelier. Ich habe die Algen immer weiter am Leben erhalten, wusste aber lange nicht, wie ich sie für meine Kunst verwenden soll. Schließlich habe ich in meinen ersten Projekten Algen und Musik miteinander verbunden.

Wie ein Softwareaustausch bei Lebewesen

Inzwischen bezeichnen Sie Ihre Arbeiten als Ausdruck der „spekulativen Biologie“. Was verstehen Sie darunter?

Ich habe mir im Rahmen meiner Kunst zunehmend Fragen zu Ökologie, Aussterben und Evolution gestellt.In der spekulativen Biologie spielt man mit dem Gedanken einer alternativen Evolution: Was wäre, wenn es den Menschen nie gegeben hätte? Wie hätten sich Lebewesen unter anderen Umständen entwickelt? In der Ausstellung „There Will Come Soft Rains“, die momentan in Frankfurt läuft, setzen wir Künstler uns damit auseinander. In unseren Arbeiten stellen wir uns die Welt im Jahr 2318 vor – eine Welt ohne Menschen! So versuchen wir, Kunst und Wissenschaft zu verbinden, als eine besondere Form von Science-Fiction.

Wir reden also von Zukunftsmusik?

Nein, das wird schon jetzt immer realer: Vor einigen Jahren hat zum Beispiel das Craig Venter Institute in Kalifornien behauptet, dass es das erste autarke künstliche Lebewesen erschaffen habe. Dabei wurde in einer kleinen Bakterienzelle das natürliche Genom – also das Erbgut – durch ein selbst hergestelltes Genom ersetzt.

Die Frankensteins des 21. Jahrhunderts

Wie beurteilen Sie solche Entwicklungen?

Einerseits setzt man sehr große Hoffnungen auf die Biotechnologie: neu erschaffene Lebewesen sollen CO₂ besser verarbeiten oder neue Energiestoffe daraus produzieren. Andererseits hat das etwas Schauriges, ich denke da immer wieder an Frankenstein. Man spricht in diesem Zusammenhang auch schon vom Biofakt, also dem Hybrid aus Natur und menschengemachtem Artefakt. Ich arbeite gerade an Porträts hybrider Lebensformen. Diese zeige ich in der Ausstellung „Hybrid Matter“ vom 27. bis 29. April auf dem Gallery Weekend in Berlin.

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Kategorien: Allgemein
Schlagwörter: Licht, Lichtkunst, VISIT, Visit-Künstler und VISIT-Stipendium


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