Blog

Beitrag: Das Energiesystem der Zukunft – Teil 3: „Die Energiewende kann nur gelingen, wenn sich die Zivilgesellschaft beteiligt“

Sie sind hier: Startseite » Das Energiesystem der Zukunft – Teil 3: „Die Energiewende kann nur gelingen, wenn sich die Zivilgesellschaft beteiligt“

28. Februar 2018

Das Energiesystem der Zukunft – Teil 3: „Die Energiewende kann nur gelingen, wenn sich die Zivilgesellschaft beteiligt“

Unsere gemeinsame Initiative mit der Stiftung der Deutschen Wirtschaft „Think Lab: Energie – Gesellschaft – Wandel“ unterstützt in diesem Jahr sechs spannende Projekte. In unserer Interview-Serie stellen wir sie Ihnen vor.

Heute: Der „Tag der Energiewende Oldenburg 2018“ bringt Unternehmen, Vereine und Bürger in der Oldenburger Fußgängerzone zusammen. So können sich Interessierte und Kritiker gleichermaßen über den Stand der Energiewende in Norddeutschland informieren und diese aktiv mitgestalten. Warum die Einbeziehung der Bürger für Projektleiter Wilko Heitkötter besonders wichtig ist, hat er uns im Interview erzählt.

Herr Heitkötter, worum geht es beim „Tag der Energiewende“ in Oldenburg?

Wilko Heitkötter: Wir wollen Werbung für neue Ideen beim Erzeugen und besseren Nutzen von Energie machen. Gemeinsam mit Unternehmen, Forschungsinstituten und Vereinen, die sich mit der Energiewende beschäftigen, verwandeln wir die Oldenburger Fußgängerzone in eine Infomeile. In Vorträgen und Diskussionen wollen wir die positiven wie auch die kritischen Seiten der Energiewende gemeinsam mit den Bürgern beleuchten.

Mit wem arbeiten Sie dabei zusammen?

Wir haben bereits von verschiedenen Vereinen, Unternehmen und Instituten eine Zusage erhalten. Beispielsweise von Rädchen für alle(s) e.V., das ist ein spendenbasierter Verleih von Lastenrädern in Oldenburg. Auch die energy & meteo systems GmbH ist dabei, ein junges lokales Unternehmen, das u.A. Leistungsprognosen für Wind- und Solarenergie erstellt. Das in Oldenburg ansässige DLR-Institut für Vernetzte Energiesysteme hat sich ebenfalls angekündigt. Dort  entwickelt man Technologien und Konzepte für die zukünftige Energieversorgung auf Basis erneuerbarer Energien. Und das ist nur eine kleine Auswahl unserer Teilnehmer am „Tag der Energiewende Oldenburg 2018“.

„Was die Menschen hier bewegt, spielt auch anderswo eine Rolle“

Wie entstand die Idee für das Projekt?

Ich komme ursprünglich aus Ostfriesland, dort wurden in den letzten Jahren zahlreiche Windkraftanlagen gebaut. In manchen Regionen gibt es große Vorbehalte, dass noch mehr Anlagen entstehen. Ich hatte das Gefühl, dass viele Einheimischen mittlerweile den Eindruck haben: Die Energiewende ist bereits sehr weit fortgeschritten. Dabei werden gerade einmal 15 Prozent des gesamten Energieverbrauchs Deutschlands aus erneuerbaren Quellen gedeckt. Deswegen ist es wichtig, gemeinsam darüber zu diskutieren und verschiedene Ansichten zu berücksichtigen. Die Energiewende kann nur gelingen, wenn ihre Akzeptanz langfristig erhalten bleibt.  

Haben Sie sich deshalb Oldenburg als Ort für Ihr Projekt ausgesucht?

Genau. Der Anteil erneuerbarer Energien ist in Norddeutschland besonders hoch, vor allem der der Windkraft. Die Anwohner müssen sich mit der Energiewende also intensiver auseinandersetzen als in anderen Regionen. Was die Menschen hier bewegt, spielt also vermutlich auch anderswo eine Rolle, wenn die Energiewende weitergeht. Finden wir hier gemeinsame Lösungen, mit denen alle zufrieden sind, hat das Modellcharakter.

Projektleiter Wilko Heitkötter.

 

Wie können Bürger beim „Tag der Energiewende Oldenburg 2018“ mitbestimmen?

Wir haben unter anderem ein Facebook-Event erstellt. Hier können die Leute bereits vorab Fragen und Wünsche posten, auf die wir dann während der Veranstaltung eingehen, beispielsweise in Diskussionsrunden. Wir wollen die Folgen der Energiewende und des Klimawandels realitätsnah darstellen. Es reicht nicht, die erneuerbaren Energien auszubauen; auch der Verbrauch muss reduziert werden. Das kann nur funktionieren, wenn ein Bewusstsein entsteht, warum das notwendig ist.

„Auch Kritiker stoßen bei uns auf Gehör“

Was beschäftigt die Menschen in Oldenburg besonders?

Da ist zunächst der Verkehr: Oldenburg ist heute bereits eine Fahrradstadt. Aber was kann dafür getan werden, damit noch mehr Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen? So würde Energie eingespart und gleichzeitig die Lärm- und Schadstoffemissionen reduziert. Der Schwerpunkt der Energiewende liegt bisher im Stromsektor. Mit welchen Technologien lassen sich auch in der Wärmeversorgung die CO2-Emissionen senken – ohne  die Kosten massiv zu erhöhen? Wenn also die Umlage für erneuerbare Energien steigt, sollten Haushalte mit geringem Einkommen nicht zu stark belastet werden. Wie das konkret gelingt, müssen wir offen diskutieren.

Wie schätzen Sie den Erfolg Ihres Projekts ein?

In der Region gibt es bereits zahlreiche Vereine, die sich um die Energiewende bemühen. Ich denke daher, dass der „Tag der Energiewende“ auf großes Interesse stößt. Die Menschen werden sich freuen, dass man sich um ihre Bedürfnisse kümmert und ihnen erklärt, was bereits passiert. Außerdem zeigen wir ihnen, wie und in welchen Bereichen sie sich selbst einbringen können. Aber auch die Kritiker stoßen bei uns auf Gehör und erhalten Raum für ihre Anliegen. Ich bin zuversichtlich, dass wir viele konstruktive Lösungen erarbeiten.

Könnten Sie sich vorstellen den Energiewendetag auf andere Städte auszuweiten?

Ja, das lässt sich auf jeden Fall übertragen. Es gibt ja in jeder Region Unternehmen oder Organisationen, die sich rund um die Energiewende engagieren. Immer  mehr Bürger setzen sich aktiv mit dem Thema auseinander. Und mit solchen Veranstaltungen kann man ihnen eine Plattform geben.

„Es braucht technische Verbesserungen“

Schon vor zehn Jahren erklärte die damalige die Bundesregierung: Bis 2020 sollen eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen unterwegs sein! Wie realistisch ist dieses Ziel?

Mittlerweile ist diese Zahl meines Erachtens sehr unrealistisch. Sie ist eher eine Vision. Denn Elektroautos sind derzeit noch zu teuer und haben eine zu geringe Reichweite, um als Verkehrsmittel für die Masse attraktiv zu sein. Da braucht es noch einige technische Verbesserungen. Trotz der 2016 eingeführten Prämie von bis zu 4.000 Euro für den Kauf eines Elektroautos sind die Absätze keineswegs rasant gestiegen. Eine Studie von PwC besagt, dass bis 2020 maximal 500.000 Elektroautos zugelassen sein werden – und zwar inklusive Hybridfahrzeugen, die ja keinen reinen E-Antrieb haben.

Was könnte den Verbraucher zum Kauf eines Elektroautos bewegen?

Bisher gab es nur die großen Autokonzerne, aber jetzt entstehen Alternativen:  beispielsweise ein Start-up aus Aachen, das ein Elektroauto für die Deutsche Post entwickelt hat. Derzeit arbeitet man dort an einem günstigen Kleinwagen für die Stadt. Bisher wollen die großen Hersteller ihr Kerngeschäft, den Verkauf von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, nicht gefährden. Wenn nun jemand auf dem Markt auftaucht, der diese Einschränkung nicht hat und sich auf Elektrofahrzeuge spezialisiert, könnte sich auch bei den Etablierten etwas bewegen – sowohl preislich als auch technisch.

Das Projekt ist Teil der gemeinsamen Initiative Think Lab: Energie – Gesellschaft – Wandel der Stiftung für Deutsche Wirtschaft und der innogy Stiftung. In unserem Blog halten wir Sie natürlich auf dem Laufenden.

Lesen Sie auch die Interviews der anderen von uns geförderten Projekte des Think Labs:

Teil 1: „Eine Chance die Energiearmut in Afrika zu bekämpfen“
Das Projekt „Brücken bauen mit der Sonne!“ will junge Menschen mit Migrationshintergrund  für technische Berufe rund um die Solarenergie begeistern. Neben der Vermittlung von Praktikums- und Ausbildungsplätzen geht es Projektleiter Jörn Schaube um Hilfe zur Selbsthilfe beim Kampf gegen Energiearmut in Afrika.

Teil 2: „Es tut gut, mal in die Praxis auszubrechen“
Wie bringt man Kindern die Bedeutung des Klimawandels näher? Diese Frage hat sich Andrzej Ceglarz in seinem Projekt „Entdecke und wirke mit!“ gestellt. Gemeinsam mit dem kein Abseits e.V. hat er mit Kindern in Workshops Solarkocher, Wind- und Wasserräder gebaut.

Teil 4: Die soziale Dimension der Energiewende wird oft vergessen
Der Ausbau erneuerbarer Energien ist wichtig, doch die soziale Komponente bleibt häufig auf der Strecke. Hier setzen die Projekttage von Jan Stede und seinem Team an: Schüler der neunten Klasse aus Berlin-Wedding sollen sich fürs Energiesparen begeistern und so ihren Familien helfen, nicht nur Energie, sondern auch Geld zu sparen.

Teil 5: „Wir machen deutlich, wo versteckte Probleme lauern”
Wie entscheiden Gremienmitglieder, Politiker und Geldgeber über die Zukunft von Energiewende-Projekten? Sie benötigen Wissen und Erfahrung. Doch nicht jeder kennt sich mit Windparks aus. Benno Baumann und sein Team wollen diesen Entscheidern daher eine Hilfestellung geben – mit neutralen, statt politisch gefärbten, Informationen.

Teil 6: „Wir müssen unser Verhaltensmuster grundlegend umstellen!”
Carsharing, Elektromobilität, Fahrradinfrastruktur – die Verkehrswende kommt. Nur wann? Viele sind immer noch skeptisch, wenn es um alternative Mobilitätskonzepte geht. Doch es braucht die gesamte Gesellschaft, um einen Wandel zu vollziehen – dies zeigt Anne Scholz in ihrem Filmprojekt.

weiterempfehlen

Kategorien: Allgemein und Soziale Innovation
Schlagwörter: Think Lab


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hiermit akzeptiere ich die Datenschutzbedingungen


Verfassen Sie den ersten Kommentar