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Beitrag: Richard David Precht fordert radikalen Umbau des Schul- und Bildungssystems

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15. Januar 2018

Richard David Precht fordert radikalen Umbau des Schul- und Bildungssystems

Soviel vorweg: Die erste Matinee der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft gestern war ein großer Erfolg. Nicht, weil ein Matinee-Publikum an einem sonnigen Sonntagvormittag per se gut aufgelegt ist und auch nicht, weil es vorzüglichen Folkwang-Jazz zu hören gab. Die erste innogy-Matinee hat einen Standard gesetzt, weil „Stargast“ Richard David Precht seine Vorlesung über Bildung und Digitalisierung in dermaßen klare Worte kleidete, wie sie auf Stiftungspodien selten zu hören sind:

Der Erfolgsautor („Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“), Philosoph und Hochschuldozent spricht Klartext. Um die Folgen der Digitalisierung als „vierte industrielle Revolution“ bewältigen zu können, fordert Precht nicht weniger als den radikalen Umbau des Schul- und Bildungssystems bei Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, das er von einer internationalen Finanztransaktionssteuer finanziert sehen will. Denn nicht nur niedrig entlohnte, einfache Jobs seien bedroht, sagt er, sondern gerade die gut bezahlten Mittelschichtberufe, weil der kommende Einsatz Künstlicher Intelligenz da am meisten einspare.

„Müssen wir die MINT-Fächer stärken?“, fragt Precht, „um viele Informatiker zu bekommen, die am Ende niemand mehr braucht, weil Maschinen bereits heute deutlich besser programmieren als der Mensch.“ Und: „Sollten wir nicht vielmehr so viele Menschen wie möglich befähigen, ein erfülltes Leben zu leben?“

„Es macht doch keinen Sinn“, sagt er, „mit einem immer noch geradezu militärisch organisierten Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert junge Menschen für einen Arbeitsmarkt zu befähigen, von dem niemand weiß, wie der in zehn Jahren überhaupt aussehen wird. Unsere Schulen sind so konzipiert, als sei der Körper nur da, um den Kopf von einem Raum in den anderen zu tragen und das Konzept, sechs Fächer an einem Tag zu unterrichten, stammt aus einer Zeit, als man von Lernen keine Ahnung hatte. Wenn ich von Ihnen verlangen würde, sechs Dinge an einem Vormittag zu erledigen, die nichts miteinander zu tun haben und sie würden darin noch geprüft. Dann sagen Sie doch, so kann ich nicht arbeiten und sofort kündigen.“

Als Lösung für das Bildungs-Dilemma in einer durchdigitalisierten Zukunft fordert der Philosoph einen analogen Grundbildungssockel von sechs Jahren, „damit man auch ohne technisches Gerät klarkommt und nicht seine Gedächtnisleistung und die Kenntnis enorm wichtiger Kulturtechniken zum Selbstmanagement verschenkt, weil man sie ins Telefon auslagern kann“. Danach dann solle nur noch in Teams und Themen gelernt werden. „Fächer sind ein Fluch, weil Fächer suggerieren, dass nicht alles mit allem zusammenhängt“, findet Richard David Precht, der in seiner Zukunftsschule insbesondere Lernprojekte wie die Energiewende oder den Verkehr mit autonom fahrenden Elektromobilen gut aufgehoben sieht.

Geführt und begleitet werden, sollten solche Lernteams auch von Menschen, die sich damit auskennen, von pensionierten Max-Planck-Forschern beispielsweise: „Wer sagt denn, dass ausgerechnet nur Lehrer in der Schule unterrichten dürfen. Ist es nicht eine viel bessere Idee, wenn Menschen, die etwas können, frühzeitig in die Schule integriert werden, um den persönlichen Unternehmergeist der Schüler zu fördern? Alles, was mit Neugier, Motivation und Sinn gelernt wird, hat eine große Chance hängenzubleiben.“

Und das gilt für Automotoren und Liebesgedichte gleichermaßen, wenn man Prechts Thesen folgt: „Im Mittelpunkt einer zukünftigen Pädagogik in digitalisierten Zeiten steht die Förderung von intrinsischer (innerer) Motivation, Kreativität, Urteilskraft und Teamfähigkeit.“

Belohnt wurden Richard David Prechts Ausblicke in die Bildung von morgen mit viel zustimmendem Applaus des Publikums und schließlich erlebte Philosoph Precht auch noch, wie unkonventionell und kess das kulturschaffende Essen fächer-, beziehungsweise genreübergreifend zur Sache kommt. Selbstbewusst stand Jazz-Sängerin Maika Küster nach der Matinee (mit einer wirklich hinreißenden Tiro-Interpretation des Hendrix-Klassikers „Little Wing“) vor dem Philosophen und bat um dessen Widmungen für ihren Papa und den Bruder: In Taschenbuchausgaben von Douglas Adams‘ „Per  Anhalter  durch die Galaxis“.

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Kategorien: Allgemein, Archiv und Bildung
Schlagwörter: Bildung, Digitalisierung, Energiebildung, Richard David Precht und Schule


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