Blog

Beitrag: Viertes „Innovative Citizen“-Festival: „Der Bürgerstromhandel wird kommen“

Sie sind hier: Startseite » Viertes „Innovative Citizen“-Festival: „Der Bürgerstromhandel wird kommen“

5. Dezember 2017

Viertes „Innovative Citizen“-Festival: „Der Bürgerstromhandel wird kommen“

Ließen sich neue Energie-Ideen schon vor der Verwirklichung als Kraftquelle nutzen, dann wäre das Dortmunder e:lab ganz weit vorne auf der Liste nachhaltiger Versorger. Zum vierten Mal feierten das Fraunhofersche Bürgerlabor und die wert-voll ggmbh ihr viertägiges Festival „innovative citizen“ für „Demokratischere Technik“ im Dortmunder „U“ und in der Werkhalle des Union Gewerbehofs ein paar Straßen weiter. Traditionell feiert die innogy Stiftung fördernd mit. Wir haben uns die Workshops am Freitag angeschaut und natürlich die Premiere des „Energetischen Salons“ im roten Kinosaal des „U“.

Kurz nach 14.00 Uhr summt, zischt, bohrt und brodelt es in der Werkhalle an der Huckarder Straße. Die Sperrmüll-Upcycler Lena und Florian von „Eltingmöbel“ aus der „Grünen Hauptstadt“ Essen begleiten den Eigenbau ihres legendären Werkzeugkastens. Im Workshop von Elena Blazquez gleich nebenan köchelt verheißungsvoll ein großer Suppentopf vor sich hin. Sieht irgendwie aus wie Eintopf, ist aber ein entscheidender Arbeitsschritt im „Kitchen Waste Recycling“ der studierten Folkwang-Kommunikationsdesigneri. Abgekocht, zerkleinert, gepresst und getrocknet wird aus dem, was vom Essen übrig bleibt, ein korkähnlicher Werkstoff, der überhaupt nicht mehr wie Müll anmutet. „Das Material fasziniert mich“, schwärmt Elena Blazquez.

Vibration bewegt

Zwei Tische weiter bringt Uwe Heuer seine Gruppe auf den nötigen Wissensstand für die erste Pilzzucht. Der gelernte Laborant, studierte Fotodesigner und „Urban Farmer“ des e:lab holt sehr weit aus, erläutert Grundlagen, Bezugsquellen und wie man zu Hause einigermaßen sterile Laborbedingungen schafft. Vermehren sollen sich nur die Pilze und nicht die Keime. Am späten Nachmittag sitzen dann aber auch die Pilz-Workshopper mit Mundschutz neben dem Gasbrenner und schaben mit einem Skalpell beherzt Pilz-Myzel auf feuchte Pappe im keimfreien Schraubglas. Mit dabei auch Daniela Berglehn (VISIT-Projektleiterin der innogy Stiftung) und VISIT-Stipendiat Sam Hopkins, der zur Zeit seinen „Ministry of Plastic“-Container vor dem Dortmunder „U“ zeigte.

Die Kinder aus dem Kurs von „RoboTheater“-Macherin Yvonne Dicketmüller haben da schon längst ihre scribbelnden Roboter ein paar Runden drehen lassen:  Mit Buntstiftbeinen und der batteriebetriebene Elektromotor mit einem exzentrischen Gewicht auf der Welle. Vibration bewegt. Ganz ähnlich wie diese fahrende Bürste, mit der Prof. Manfred Euler von der Uni Kiel beim zweiten innogy Stiftungstag im Museum Folkwang vor genau fünf Jahren seine Energiebildungsstudie illustriert hatte.

Vorsicht beim Energiewende-Wording

So 100-prozentig, wie die Macher von Morgen sich für ihre Robos begeisterten, stimmten die Besucher des ersten Energetischen Salons in einer launigen TED-Befragung am frühen Abend einstimmig für die Energiewende. Gleichwohl empfahl Eberhard Waffenschmidt von der TH Köln als erster  Impulsgeber dringend, auf das zeitgenössische Energiewende-Wording zu achten. Die Wortwahl habe Methode, meint der Kölner Dozent, wenn konventionelle Energieerzeugung als „Milliarden-Investition für die Bürger“, Wind- und Solarenergie im gesellschaftlichen Diskurs dagegen oft mit „Miliarden-Kosten für die Bürger“ verknüpft würden. Außerdem, so Waffenschmidt, „hat  der aktuelle politische Umgang mit der der Förderung CO2-neutral erzeugter Energie Deutschland längst die Weltmeisterschaft gekostet“.

„Dabei sind die Bürger bei der Stromerzeugung  aus erneuerbarer Energie nach wie vor Marktführer“, wie der zweite Redner des Abends, Malte Zieher, in seinem Vortrag betont und den Salon mit einer Neuigkeit überrascht. „Der Bürgerstromhandel wird kommen“, kündigte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende im „Bündnis Bürgerenergie e.V.“ an: „Es gibt nun ein Konzept für die Lieferung eigenproduzierten Stroms an die direkten Nachbarn und eine Pressekonferenz dazu am kommenden 13. Dezember“.

Die Erderwärmung ist ein Experiment mit der Menschheit“

Stefan Schweiger vom KWI in Essen versuchte schließlich, die aktuellen politischen Energiewende-Inszenierungen mit einer Hollywoodschen Heldenstruktur zwischen „konservativer Tragödie, liberaler Komödie und Merkelscher Wir-schaffen-das-Romanze“ zu entlarven. Nach diesem kulturpolitischen Exkurs des KWI-Erzählforschers, der für das Virtuelle Institut „Transformation Energiewende NRW“ stets auf der Suche nach „Agenten des Wandels“ ist, hatte Salon-Moderator Markus Dichmann (Dlf Nova) genug innovativen Stoff für ein Podiumsgespräch mit dem Publikum, das die Diskussion im „innogy Forum“ des „U“ um die Themen „Öffentlicher Nahverkehr“ und „Wärmemarkt“ ergänzte.

„Was treibt den Filmemacher an“, möchte Erzählforscher Stefan Schweiger dann noch vor der späten Vorführung von dessen epischer Filmarbeit „POWER TO CHANGE“ im „CineScience“-Dialog von Regisseur Carl-A. Fechner wissen. Wie auf der Leinwand, zeigt Dokumentarfilmer Fechner auch im persönlichen Gespräch keine Furcht vor dem großen Gefühl und vergleicht die Gegenwart mit seinem Engagement in der Friedensbewegung gegen den Kalten Krieg in den Achtzigern. Carl-A. Fechner: „Ich habe die Bedrohung damals physisch gespürt. Aber selbst Kriege sind nicht so dramatisch, wie das, was wir jetzt machen. Die Erderwärmung ist ein Experiment mit der Menschheit, das es seit ihrem Bestehen noch nicht gegeben hat.“

„Haben wir genug Zeit für den Wandel“, will Stefan Schweiger wissen. Carl-A. Fechner: „Jede Veränderung beginnt im Herzen und geht in den Kopf. Wir haben gute Argumente, können uns bewegen und verkrustete Strukturen aufbrechen… und wir brauchen Leute, die auch im Alltag vorangehen.“

weiterempfehlen

Kategorien: Allgemein und Soziale Innovation
Schlagwörter: e:lab, Energiewende, Innovative Citizen und soziale Energie


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Verfassen Sie den ersten Kommentar

.