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27. November 2017

Wer Popsongs singt, lebt nachhaltiger

Eine Begegnung mit dem Künstler Tino Sehgal am Rande von COP23

Was ist eigentlich Nachhaltigkeit? Die Frage beschäftigt uns als Stiftung schon lange. Im Rahmen des Weltklimagipfels COP23 haben wir sie erneut gestellt – mit Fokus auf das Miteinander von Kunst und Nachhaltigkeit. Der Berliner Künstler Tino Sehgal ist für Werke bekannt, die vom Moment leben, die man nicht fotografieren darf und die auch sonst keine materiellen Spuren hinterlassen.

Selbst Museen, die seine Werke zeigen, dürfen diese nicht mit Plakaten bewerben oder in Katalogen festhalten. Nicht nur seine “Situationen”, auch das Drumherum will Sehgal immateriell präsentiert wissen. Wer seine Kunst sehen will, muss sie selbst vor Ort erleben. Im Kunstmuseum Bonn hat er jetzt zusammen mit unserem Kooperationspartner ARTPORT_making waves einen Nachhaltigkeits-Workshop mit Jugendlichen initiiert. Ziel dabei: die Schüler der integrativen Bertolt-Brecht-Gesamtschule für das in Bonn dieser Tage omnipräsente Thema Klimaschutz zu sensibilisieren.  

Tino Sehgal über den Workshop…

Das große Thema des Workshops war das gleiche wie ein paar hundert Meter weiter bei der Weltklimakonferenz: der von Menschen verursachte Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) als Hauptursache der Klimaerwärmung. Es ging mir bei den Jugendlichen darum, erst einmal wieder in Erinnerung zu rufen, wo überall CO2 entsteht – nämlich bei den allermeisten Tätigkeiten.”

Dazu wählte der Künstler eine bemerkenswerte Methode – eine Smartphone-Auszeit. Es gelang Sehgal tatsächlich, dass die Jugendlichen für zwei Stunden ihre Handys weg steckten und sie (zumindest zeitweise) vergaßen. Erst hörte die Gruppe einen aktuellen Popsong auf einem Smartphone, danach sangen Sehgal und die Schüler ihn gemeinsam nach. Die Idee dahinter: Das Handy trägt zum CO2-Ausstoß bei – vor allem in der Produktion und weil es Strom benötigt. Gemeinsamer Gesang benötigt keine auf fossilen Rohstoffen basierende Industrieproduktion. Und: Es macht mehr Spaß. Mit solchen lebensnahen und jugendgerechten Vergleichen wolle er die Sensibilität für Nachhaltigkeit schärfen, so Sehgal.

 

Tino Sehgal, Foto: Robin Roger, 2017

 

Tino Sehgal über Nachhaltigkeit…

Die “Situation”, wie der Künstler sein Werk auch nennt, zeigte es in Bonn erneut: Sehgal arbeitet sehr stark mit dem Gegensatz von Materiellem und Immateriellem – und schlägt so den Bogen zur Nachhaltigkeit. Entsprechend kritisch sieht er auch unsere Konsumgesellschaft, die (wider aller Ideen einer Shareconomy) immer noch stark von materiellen Statussymbolen geprägt werde. Von Autos, Kleidung oder eben Handys. „Ich will in meinem Workshop Jugendliche dafür sensibilisieren, dass sich Lebensqualität nur zu einem relativ geringen Grad durch Besitz definiert.“ Im Gegenteil: Spaß und Freude entstünden manchmal gerade dann, wenn man sich von Dingen trenne. Die gemeinsame Gesangseinlage war der Beweis: Nach dem Workshop waren die Jungen und Mädchen erstaunt, wie lange sie ohne ihre Smartphones ausgekommen waren. Und wieviel Spaß sie dabei gehabt hatten.

Sehgals Plädoyer: Wer nachhaltig und umweltbewusst leben möchte, sollte im Alltag bewusst auf seinen eigenen ökologischen Fußabdruck achten. Das gelte für die Nutzung von „Gadgets“, aber auch für vieles mehr: „Jeder von uns kann zum Beispiel beim Reisen seinen Beitrag leisten. Wer Bahn fährt statt zu fliegen, der trägt dazu bei, dass weniger CO2 ausgestoßen wird.“

Er selbst sei durch die Ökobewegung der 1980er in Sachen Nachhaltigkeit sozialisiert worden, so Sehgal. „Ich habe schon seit über 20 Jahren eine Solaranlage auf dem Dach. Wenn ich dusche, macht es Spaß zu wissen, dass die Sonne das Wasser erwärmt. Ich bilde mir sogar ein, dass ich das spüre.“

Tino Sehgal über Kunst…

Sehgal versteht Kunst als eine Art „Versammlungsform“, in der sich die Werte einer  Gesellschaft spiegeln. Was abstrakt klingt, erklärte er am Beispiel von Kunstausstellungen und Kunstmuseen. „Diese sind vor rund 300 Jahren aufgekommen – als Formate oder eher Feierlichkeiten, bei denen der Fokus sehr stark auf Objekte gerichtet ist.” Hier steht der Betrachter, dort das Werk. Die Eröffnung der ersten Museen gehe einher mit der Entwicklung der Konsumgesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert.

Mit seinem Werk will Sehgal einen Kontrapunkt setzen zum Kunst-Konsum einer, wie er sagt, „material-fixierten Gesellschaft“. „Meine Kunst braucht eben kein dauerhaftes Material. Sie baut auf Interaktionen auf, auf dem Miteinander.”

Diese Haltung war – und ist immer noch – ein Novum in der Kunstwelt: Plötzlich gab es kein Objekt mehr, dass es zu bewundern galt, sondern einmalige Situationen. Diese lassen sich nur für einen begrenzten Zeitraum in Augenschein nehmen. Das einzige, was bleibt, ist die Erinnerung daran. Der Berliner hat lange für die Akzeptanz seiner Kunst gekämpft – heute gehört er zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlern der Welt. So hat er schon an der Tate Gallery in London ausgestellt, im Guggenheim Museum in New York, auf der Biennale in Venedig und auf der documenta.

Dort sorgte Sehgal 2012 für Aufmerksamkeit, als er zwölf Darsteller in einen lichtlosen Saal stellte, die eintretende Besucher umtanzten und versuchten, sie in das immaterielle Kunstwerk einzubeziehen. „Meine Kunst ist als Algorithmus zu verstehen”, sagte der Berliner in Bonn. „Nicht immer gleich, aber auch nie ganz verschieden – und ganz oft geprägt vom Einfluss der Besucher.“ Wie bei den Schülern im Popsong-Chor…

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Kategorien: Allgemein und Kultur
Schlagwörter: COP23 und Tino Sehgal


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