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18. September 2017

Heimat im Wandel – Wege zur Metropole Ruhr

Eine bemerkenswerte Ausstellung im KUBUS der Bochumer „Situation Kunst“ verdeutlicht die Auswirkungen des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Die Sozialwissenschaftler Joachim Scharioth und Jörg-Peter Schräpler machen hier anschaulich, wie an den „Wegen zur Metropole Ruhr“ die Bildungschancen in den ehemaligen vom Bergbau geprägten Stadtvierteln verteilt sind.

Im Mittelpunkt der Dokumentation zeigen einige Hundert im Abstand von rund 40 Jahren aufgenommene Bilderpaare, wie sich im Revier die Heimat und mit ihr die Soziologie der Metropole Ruhr gewandelt hat. Ein Wandel, der beständig ist und den viele unserer Projekte fördern, ganz aktuell beispielsweise „Energie fürs Quartier“. Und als „Kind des Ruhrgebiets“ liegt uns diese Ausstellung sowieso besonders am Herzen.

So findet sich auf den Fotografien, die für die „Szene Rhein-Ruhr ‘72“ zum 50. Geburtstag des Museum Folkwang erstmals gezeigt wurden, noch kein einziger Radweg. Auf den aktuellen Bildern sind dafür keine Wäscheleinen mehr zu sehen. Dafür sehr viel Grün, klar, welches allerdings die Suche nach den exakten Standorten für die aktuellen Fotografien nicht wirklich erleichtert hat.

Eröffnet wurde die Bochumer Ausstellung von Gert G. Wagner, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), und 20 Jahre lang Leiter der Infratest-Studie „Leben in Deutschland“. Der Ökonom begeistert sich für die Vielfältigkeit des Ruhrgebiets und hat ergänzend zu den Fotografien 41 intensive Interviews mit Bewohnern der „Metropole Ruhr“ geführt. In den Quartieren der Fotostandorte ließ er sich erzählen, wieviel „Muskel-Hypotheken“, also Eigenleistung, beispielsweise in den schmucken Reihenhäusern in Oberhausen-Altstaden stecken und was es den Menschen ausmachte, als das Büdchen in Bochum-Dahlhausen dichtmachte, das ganze Schülergenerationen mit „Matschbrötchen“ versorgte.

Was den ehemaligen Professor der Ruhr-Universität Bochum am meisten beeindruckt hat, möchte der WDR-Kollege beim Pressegespräch im Kubus der Situation Kunst wissen. Gert G. Wagner: „Das ist einerseits eine starke Stadtteilorientierung mit mehr Bezug zum eigenen Quartier als zur Metropole, und andererseits der Pragmatismus, mit dem sich die Menschen im Ruhrgebiet mit einem extrem starken Wandel arrangiert haben.“ Wer mag, findet die „Bewohnerworte zum Wandel angesichts der Bilder aus ihrer Nachbarschaft“ h i e r im kompletten PDF des Forschungsberichts „Wege zur Metropole Ruhr“ des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) an der Ruhruniversität Bochum.

 

Höchst lesenswert ist außerdem der von Klartext verlegte Katalog zur Ausstellung. Darin kommen unter anderem der Essener Architekt und Lichtkünstler Peter Brdenk und Berger Bergmann, Projektbeirat und Geschäftsführer der Theater und Philharmonie Essen GmbH, als kritische Stimmen zur Platzgestaltung im Ruhrgebiet zu Wort. Beide haben ein Buch über die „Architektur der Essener Plätze“ (Titel) herausgegeben, das im Oktober ebenfalls im Klartext Verlag erscheinen wird. Berger Bergmann: „Ich habe den Eindruck, dass oft die Entwürfe bei Wettbewerben zur Platzgestaltung gewinnen, bei denen man sich bewusst für nichts entschieden hat.“  Peter Brdenk ergänzt zum Kennedyplatz in Essen: „Nach dem Umbau ist der Platz nur noch Parkplatz für Events. Ansonsten herrscht gähnende Leere.“

 

Die Interviews im Katalog zur Ausstellung hat übrigens Sarah Meyer-Dietrich geführt. Die Bochumer Schriftstellerin war lange Gastautorin dieses Blogs und veröffentlicht in diesen Tagen ihren zweiten Roman „Ruhrpottkind“. Überdies leitet sie die Projektfamilie „FlussLandStadt. Eure Heimat, Euer Roman“, in der sie mit Kindern und Jugendlichen aller Schulformen die Renaturierung der Emscher literarisch begleitet. Ein Thema, das uns ja auch hier im Blog seit Jahren immer wieder beschäftigt.

Und gerade mit diesem Generationenprojekt schließt sich der Kreis. Denn, wie Soziologe Joachim Scharioth weiß, beeinflusst der Emscher-Umbau bereits die Trennung des armen Nordens vom reichen Süden entlang des „Armutsäquators“ A40: „Im Osten des Ruhrgebiets, insbesondere in Dortmund, beobachten wir einen ersten Trend dagegen.“

Ganz persönliche Ideen zum Ruhrgebiet können Ausstellungsbesucher in den Zukünfte-Kasten an der Kasse werfen. Der Zeichner Gottfried Müller hat schon ‘mal vorgelegt. In seiner mal angenommenen 2067er Version einer Stahlstraße finden sich neben der „Raucherwohnung mit vorschriftsmäßigem Abgasfilter“ und dem „bei  Phobikern besonders beliebten totalisolierten Haus“ auch der „Schrebergarten Blautanne mit Kleintierhaltung“ und die „Drohnen-Transportstation“ auf dem Dach.

Fotos und Text: Frank Vinken | dwb

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Ausstellung, Heimat Ruhr und Metropole Ruhr


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