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Beitrag: Power Shifts-Forum Heidelberg: Vorzeigeprojekt für den demokratischen Austausch

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14. August 2017

Power Shifts-Forum Heidelberg: Vorzeigeprojekt für den demokratischen Austausch

Ein Dezibel-Messgerät, das fehlte am Samstag in der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. Daran hätte man wohl am eindrucksvollsten den Erfolg der Diskussionsrunde im Rahmen unseres Förderprojekts „Power Shifts“ ablesen können. Peter Terium, innogy Chef und Beiratsvorsitzender der innogy Stiftung, war aus dem Ruhrgebiet an den Neckar zu kommen, um mit rund 100 Studenten über Energie und Europa zu diskutieren.

Höflichen Applaus gab es zum Auftakt, als ihn Diskussionsleiterin Maria Pashi als „Schmankerl des Tages“ vorstellt. 90 Minuten später, zum Abschluss, wurde daraus donnernder Applaus – der selbst den professionellen CEO erkennbar überraschte.

Anlass für die studentische Begeisterung war die Debatte in den anderthalb Stunden dazwischen. Sie fand als „Fishbowl-Format“ statt; jeder, der wollte, durfte sich also zu Terium und Pashi dazusetzen und eigene Fragen stellen. Und das taten die Studenten auch – mit einer für ihre 18 bis 25 Jahre überraschenden Detailkenntnis und thematischen Tiefe, die sogar den Energieexperten aus Essen mehrfach bekennen ließ, dass das nun aber schon (wieder!) eine schwierige Frage sei…

Themenvielfalt von Donald Trump bis zur Künstlichen Intelligenz

Allerdings hatten die Studenten auch fast vier Tage Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Der Fishbowl markierte quasi die Halbzeit der gut einwöchigen „Power Shifts“-Veranstaltung, initiiert vom Europäischen Jugendparlament (EYP) und der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa. Ihr Untertitel zeigt, worum es dabei geht: „Reflecting Europe’s Energy” – die Auseinandersetzung mit Energiethemen auf europäischer Ebene sowie der Diversität von Energiepolitik in der EU. Das Forum in Heidelberg bildete dabei den Abschluss einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe. Die ersten beiden Treffen hatten 2015 in Lyon und 2016 in Warschau stattgefunden.

Großes Interesse am Austausch mit innogy Chef Peter Terium

So schwierig manche Frage auch war, Terium beantwortetet sie alle – und das in einer Ausführlichkeit, die den ein oder anderen klassischen Interviewpartner neidisch gemacht hätte. Das Spektrum der Themen spiegelte die Schwerpunkte der Woche. Es ging um:

  • Netze der Zukunft, die viel mehr leisten müssen als heute – allein wegen der deutlich volatileren Einspeisung durch Sonne und Wind
  • Datenschutz und Transparenz – aufgehängt an Fragen, ob Energieversorger in Zukunft wissen (oder gar festlegen) sollten, wann in privaten Haushalten Stromfresser wie die Waschmaschine laufen, um Nachfrage und Angebot optimal zu steuern
  • Big Data und Künstliche Intelligenz (KI): „Die beste Methode, auf Herausforderung zu reagieren, ist sie zu antizipieren“, sagte Terium. Genau das sei jedoch so schwierig, weil das Energiesystem immer komplexer werde. Früher gab es 50 Kraftwerke in Deutschland, heute sind es längst mehr als 50.000 Erzeuger – bald werden es vielleicht 500.000 sein, wenn private Solaranlagen immer beliebter werden. Ähnlich komplex sieht die Nachfrageseite aus: „Jede Waschmaschine hat ein anderes Energieprofil“, so der innogy Chef. „Nicht nur eine neue gegenüber einer alten. Und auch nicht nur eine vom Hersteller A gegenüber der von B. Sogar zwei Maschinen gleichen Typs unterscheiden sich, wenn sie unterschiedlich stark verkalkt sind.“ Daher seien Prognosen von Energieverbräuchen so schwierig – am ehesten ließe sich die Herausforderung noch durch KI lösen.

Die Energiewende ist einfacher, wenn man sie auf den Schultern eines Riesen angeht

  • Kooperationen von etablierten Versorgern und Startups: „Ein Gründer hat mir neulich gesagt, mit innogy zu arbeiten, sei großartig. Denn es fühle sich an, als stünde man auf den Schultern eines Riesen.“ Eines Riesen allerdings, der – das gab Terium zu – ohne innovativen Input von außen aufgeschmissen sei. „Die Geschwindigkeiten in der digitalen Welt haben sich geändert: Früher dauerten Innovationszyklen fünf Jahre. Heute sind es fünf Monate oder gar nur fünf Wochen.“ Umso wichtiger sei es für einen Konzern wie innogy, Startups mit guten Ideen an sich zu binden.
  • Klimaschutz und gesellschaftliche Aufgaben von Energieunternehmen – hierzulande aber auch weltweit. Hier konnte sich Terium einen kleinen Seitenhieb auf Donald Trump nicht verkneifen: Der Ausbau der Erneuerbaren als zentraler Treiber der Dekarbonisierung sei unaufhaltsam. „Und zwar von jedem, selbst wenn er im Weißen Haus sitzt.“
  • Dezentralisierung der Energieversorgung, hin zu „Peer-to-Peer-Systemen“. Der „P2P“-Ansatz besagt, dass sich künftig Nachbarn oder lokale Gemeinschaften gegenseitig selbsterzeugte Energie verkaufen, diese über Blockchain-Systeme direkt bezahlen und somit gar keine Zwischenhändler mehr brauchen.

Digitalisierung, Dekarbonisierung und Dezentralisierung – den oft zitierten „drei D’s“ der Energieversorgung fügte Terium in Heidelberg noch ein viertes hinzu, die „Demokratisierung“. Die ginge zwangsweise mit den anderen D’s einher. Am klarsten manifestiere sich das vierte D in einem P2P-System, in dem Nutzer selbst entscheiden könnten, mit wem sie ihre Energie teilten oder wer auf ihre Daten zugreifen könne.

„Die Energiewende ist kein Selbstläufer, nur weil die Politik Energiewende ansagt“

Beim Thema Demokratie kam auch noch Teriums aktuelles Herzensthema zur Sprache: die Europa-Initiative #We4Europe, in der sich – initiiert von innogy – inzwischen 16 Partner zusammen geschlossen haben, von Airbus bis zur Deutschen Telekom, von der Lufthansa bis zum Bundesverband deutscher Banken. Das Ziel: gemeinsam und öffentlich in schwierigen Zeiten Position für Europa und seine Vorteile wie offene Grenzen und freien Handel zu beziehen.

„Es war sehr gewinnbringend, die Perspektive der Industrie zu sehen“, sagte Hauke Sommer, seit 2015 Mitarbeiter von Power Shifts und einer der Initiatoren der Woche in Heidelberg, nach der Veranstaltung „Terium hat uns gezeigt, welchen Zwängen die Wirtschaft unterworfen ist und dass die Energiewende kein Selbstläufer ist, nur weil die Politik Energiewende ansagt.“ Gerade für eine jugendliche Bildungsorganisation wie Power Shifts sei es essentiell, diese Perspektive mitzubekommen, da die Debatten sonst vor allem von politischen Sichtweisen geprägt seien. Lukas Fendel, Executive Director des EYP, hatte es vor allem das Setting angetan: „Hier in dieser traditionellen Hörsaal-Umgebung ein so modernes Diskussionsformat wie einen Fishbowl zu erleben, das war beeindruckend. Und toll, wie intensiv die Debatte war.“

Das Lob gab Terium zurück: „Mir sind solche Veranstaltungen ganz wichtig, um auch die Perspektiven von Menschen und Gruppen mitzubekommen, mit denen ich im Alltag sonst wenig zu tun habe. ,Power Shifts’ ist für mich ein Vorzeigeprojekt, was demokratischen Austausch angeht.“

Autor: Timm Rotter

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Kategorien: Bildung
Schlagwörter: Energiewende, Europäisches Jugendparlament, Peter Terium, Power Shifts und Schwarzkopf-Stiftung


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