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Beitrag: Aram Bartholl: Skulptur-Projekte zwischen Lager- und Ladefeuer

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12. Juni 2017

Aram Bartholl: Skulptur-Projekte zwischen Lager- und Ladefeuer

Nein, man muss kein Studium der Thermoelektrik absolviert haben, um zu verstehen, wie der Konzeptkünstler Aram Bartholl bei den am Samstag in Münster eröffneten Skulptur Projekten 2017 mit seinen Arbeiten „12 V“, „5 V“ und „3 V“ Spannung erzeugt. Genau hinzuschauen reicht völlig aus, um die energiepolitischen Pointen des Berliners zu erfassen. Lohnenswert ist es zurzeit allemal, nach Münster zu reisen – zumal neben Bartholl noch 34 weitere Künstler bis zum 1. Oktober den gesamten öffentlichen Raum der Stadt bespielen.

Noch am vergangenen Freitag hatte eine Radioreporterin angekündigt, das Publikum könne bei den – seit 1977 nunmehr – fünften Skulptur Projekten „seine Handys rösten lassen“. Und in der Tat sieht das aus der Ferne fast so aus, wenn Menschen auf der Wiese neben dem Theater im Pumpenhaus (Gartenstraße 123) an groben Holzstämmen befestigte Metallpfannen über ein Lagerfeuer halten. Allerdings werden nicht die Mobiltelefone der Ausstellungsbesucher von unten erhitzt und gleichzeitig mit einem Computerlüfter von oben gekühlt, sondern ein Thermogenerator, wie auf den ersten Bildern unserer Galerie zu sehen ist. Die Temperaturdifferenz erzeugt in den Metallen des Generators eine Spannung und damit Strom, der über eine rustikale Verkabelung zum anderen Ende des Ladestocks fließt und stark genug ist, einen dort angeschlossenen Telefon-Akku aufzuladen.

Da spielt es keine Rolle, wie wenig wahrscheinlich es scheint, dass in schwierigen Zeiten ohne Dach über dem Kopf und ohne intakte Wände mit Lichtschalter und komfortablen Steckdosen noch ein Mobilfunk sendet. Ein paar belastbare Volt ließen sich im Katastrophenfall doch immer verwenden. Außerdem beschäftigt sich ein weiteres thermoelektrisches Skulptur-Projekt Aram Bartholls mit genau dieser Frage. Sein Router am Funkturm (Mühlhäuser Straße) sendet ein offenes künstlerisches WLAN in die Welt, solange ein holzbefeuerter Kugelgrill auf dem benachbarten Spielplatz einen Thermogenerator beheizt.

Skulptur Projekte Münster am 9. Juni 2017

Poetisch: Aram Bartholls thermoelektrische Leuchter im Tunnel am Schlossplatz in Münster

 

Dort lassen sich vom Künstler handverlesene Internet-Fundstücke mit Titeln wie „5 Enormous Benefits Of Unplugging From The Internet“ anschauen und abspeichern, wobei alle „12 V“-Besucher aufgefordert sind, auch eigene Dateien – Bilder, Texte, Töne – hochzuladen. Und wer Glück hat, hört einen der Telekom-Mitarbeiter unterm Funkturm, die immer ‘mal wieder vorbeischauen und augenzwinkernd über den Zaun in Richtung Grill fragen, „wo denn die Würstchen bleiben“.

Aram Bartholls dritte thermoelektrische Position im verdunkelten Fußgängertunnel am Schlossplatz 46 hat das Zeug zum Lichtkunstwerk. In fünf Leuchtern erzeugen 50 Teelichte jeweils so viel Wärme(energie), dass die darüber montierten Generatoren eine LED-Leselampe betreiben und so für eine geradezu poetische Wandlung des warmen Kerzenlichts in kaltweiß-grelle LED-Beleuchtung sorgen. Mit der Arbeit „3 V“ im Schlossplatz-Tunnel ist es Bartholl auch gelungen, die gegenwärtigen Energiewenden in ein starkes Bild zu fassen und die Skulptur Projekte 2017 um ein pointiertes Zeit-Zeichen zu bereichern

Wie der studierte Architekt, Kunstprofessor und CCC-Aktivist Bartholl sein „Lade-Feuer“ beispielsweise selber einordnet, hat er seinem Künstlerkollegen Vlado Velkov im Interview für den aktuellen Ausstellungskatalog mitgeteilt: „Die Arbeit kann Geräte aktivieren, möchte aber vor allem Menschen zueinander führen – nicht über eine App, sondern ganz klassisch im direkten Kontakt.“ Oder wie es Kasper König, der die Skulptur Projekte seit 1977 als Kurator begleitet, am Freitag im Radiointerview formulierte: „Ich glaube nicht, dass Kunst die Welt effektiv politisch verändert. Sie kann aber eine Wachheit für Widersprüchlichkeiten erzeugen, die diese totale Manipulation und Überwachung zumindest hinauszögern und erschweren … Ich glaube, dass die Musik, der Film, die Poesie, die bildenden Künste letztlich absolut mit Zukunft zu tun haben.“

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Aram Bartholl, Ausstellung und Münster


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