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6. April 2017

Für Christian Keinstar ist Kunst immer politisch

Wohl selten zuvor hat ein zeitgenössischer Bildhauer den Übergang von Gegenwart zu Vergangenheit, vom „Jetzt“ zum „Davor“ verblüffender und poetischer ins Bild gesetzt als VISIT-Künstler Christian Keinstar mit seiner „Simplifikation“. Der (bei rund 30 Grad Celsius) spektakulär schmelzende Gallium-Kopf ist ein Höhepunkt der Solo-Ausstellung des Kölner Künstlers, die heute um 19.00 Uhr im Duisburger Lehmbruck Museum eröffnet wird.

Der Versuchsaufbau für das Gallium-Experiment in Christian Keinstars Atelier war schon beeindruckend. Wir haben darüber berichtet. Die museale Version des Kunstkopf-Kreislaufs aus Schmelze, neuem Guss und Wiederaufstellung ist schlicht spektakulär. Zumal es sich heute in Duisburg um die erste öffentliche Präsentation der „Simplifikation“ handelt. Selbst die Teilnehmer der Pressekonferenz gestern haben sich mit einem Video-Einspieler begnügen müssen, den der WDR für Christian Keinstars Westart live-Auftritt am 27. März produziert hatte.

Als Anekdote am Rande sei berichtet, dass Christian Keinstar auch bei der Live-Bespielung eines Tisches mit Walzblei im Studio sein schwermetallenes Credo nutzen konnte, um Fernsehgeschichte zu schreiben: Den Westart-Machern war wohl nicht klar, dass ein Künstler mit einem gewichtigen Gummihammer für die „barocke Bleibearbeitung“ die entsprechende Geräuschkulisse erzeugt. Jedenfalls hagelte es wohl noch während der Sendung erboste Emails. Man konnte deutlich hören, wer da hämmerte.

VISIT - Künstler Christian Keinstar Pressekonferenz im Lehmbruck Museum Duisburg

Die große Halle des Lehmbruck Museums mit Christian Keinstars „Sculpture 21st“-Positionen als Panorama. Foto: Frank Vinken | dwb

Wenn Christian Keinstar ein Markenzeichen hat, dann ist das eine überzeugende künstlerische Präsenz, die in seinen großen Bleiarbeiten auch körperlich spürbar wird. Der Simplifikation gegenüber in der gläsernen Lehmbruck-Halle macht das „Hyperalloy Aestuarium III“ unmissverständlich klar, dass der Künstler wohl seinen Werkstoff (Blei und Stahl in diesem Fall), aber nie sich selber verbiegen will. Mit einer „Anmutung zwischen Schlosserei und Schlachterei“, wie der WDR titelte, zitiert Christian Keinstar einmal mehr auch die dystopische Bildwelt der „Terminator“-Filme.

 

Zwischen Blei und Gallium zeigt Christian Keinstar seine „Gotische Abteilung“. Von der Wirkung einer atomaren Detonation geborstene Kirchenfenster mit verdrehtem Stahlbeton, die als „Rose“ und „Piece of Evidence“ still und seltsam schön eine unvorstellbare Katastrophe bezeugen. Als bei der Pressekonferenz die Frage kam, ob seine Arbeiten politische Aussagen sind, braucht der Kölner Künstler keine Bedenkzeit für die Antwort. „Klar“, sagt er: „Kunst ist immer politisch.“

Spätestens da war dann auch deutlich, was Daniela Berglehn von der innogy Stiftung in ihrem Eingangsstatement gemeint hatte, als sie die künstlerische Unabhängigkeit „ihrer“ Stipendiaten beim kritischen Umgang mit Energiethemen betonte: „Wir sind sehr stolz“, so die VISIT-Projektleiterin wörtlich, „dass es Christian mit seinem Werk und all den möglichen Lesarten an diesen großartigen Ort geschafft hat.“

VISIT-Projektleiterin Daniela Berglehn: „Wir sind sehr stolz, das Christian es mit seinem Werk an diesen großartigen Ort geschafft hat.“

In der Tat ist auch Christian Keinstar einer der besten Botschafter für das VISIT-Programm. Denn wer ihm beim Bändigen seiner seriellen Bleiwirbelsäulen zusieht, wird wissen, dass er sich keinem Thema zuwenden würde, das sich nicht mit seinen Werkstoffen und seiner künstlerischen Überzeugung verträgt. Für Lehmbruck-Direktorin Sönke Dinkla fügen sich Christian Keinstars Positionen „des Pittoresken und des Zerfalls an der Grenzbereichen des Menschlichen“ perfekt in die langfristig angelegte „Sculpture 21st“-Reihe, mit der sich ihr Haus um die Präsentation von Positionen zeitgenössischer Bildhauerei verdient macht.

Christian Keinstars Einzelausstellung im Duisburger Lehmbruck Museum in der großen Halle am Kantpark dauert bis zum 18. Juni. Zur Eröffnung heute Abend um 19.00 sind auch und gerade alle Kurzentschlossenen herzlich eingeladen. Für den ersten öffentlichen Schmelz-Zyklus der Keinstarschen Gallium-Vereinfachung ist dort alles bereit.

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Kategorien: Kultur und Soziale Innovation
Schlagwörter: Christian Keinstar, Lehmbruck Museum, VISIT, und VISIT-Stipendium


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