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29. November 2016

Von der Oktoberrevolution nach Utopia

Zeitreisen sind eine feine Erfindung. Der einzige Nachteil: Man braucht entweder einen Fluxkompensator oder eine Dauerkarte fürs Raumschiff Enterprise. Oder man kommt zum innogy Stiftungstag.

Denn unser diesjähriges Jahresabschlusstreffen am Montag in Essen, das sechste seiner Art, spannte ebenfalls den Bogen zwischen den Zeitaltern: In nur 194 Minuten führte die Reise von der Russischen Oktoberrevolution bis ins futuristische Utopia.

Doch der Reihe nach: „Was ist eine gute Energiewende – Was ist ein gutes Leben?“ hatten wir als Leitfrage über den Abend im SANAA-Gebäude auf Zollverein gestellt, was Moderator Jacob Bilabel in seiner Einleitung vor 120 geladenen Gästen gleich um ein Zitat aus eben jener Russischen Oktoberrevolution von 1917 ergänzte: „Her mit dem guten Leben!“ So plakativ die Forderung, so schwierig ist doch die Suche nach einem guten Leben. Das ist – um diese Erkenntnis gleich vorwegzunehmen – eine der zentralen Ergebnisse des Abends auf Zollverein.

 

Dabei begann dieser durchaus erkenntnisreich: Jürgen Trittin, MdB und ehemaliger Bundesumweltminister, eröffnete ihn mit einer Keynote über gutes Leben und eine gute Energiewende. „Die Energiewende ist ein Projekt, das ganz maßgeblich Bedeutung dafür hat, ob und wie wir ein gutes Leben führen können“, hatte Stiftungs-Geschäftsführer Stephan Muschick zuvor schon in seiner Begrüßung gesagt. Trittin führte den Gedanken in 37 Minuten und mit Statistiken über Ökostrom, Elektroautos, Peak Oil und Jobs im Erneuerbaren-Geschäft durchaus detailbeflissen aus.

„Let’s make Energiewende great again“, forderte er in Anlehnung an Donald Trump und mit Blick auf die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz einer der größten gesellschaftlichen Aufgaben dieses Jahrhunderts. „Man kann das gute Leben nicht mehr regional oder national definieren. Ein gutes Leben heißt, dass alle Menschen auf diesem Globus gute Chancen haben – auch künftige Generationen“, sagte der Grünen-Politiker, anknüpfend an das Interview bei uns im Blog. „Zu einem guten Leben gehört auch, den Herausforderungen erwachsen zu begegnen, also sich ihnen zu stellen, statt die Decke über den Kopf zu ziehen.“

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In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Peter Terium, Beiratsvorsitzender der innogy Stiftung und innogy CEO, sowie Hubert Bruls, Bürgermeister der Stadt Nijmegen, zeigte sich zweierlei. Erstens: Trittin und Terium verbindet, trotz einstiger Fundamentalgegnerschaft von Grünen und Energiekonzernen und trotz mancher Sticheleien auch im SANAA-Gebäude, inzwischen eine beachtliche energiepolitische Schnittmenge.

Zweitens: Abende wie dieser tragen dazu bei, den Dialog zu fördern. „Der große gesellschaftliche Austausch muss irgendwo immer im Kleinen anfangen“, sagte Terium. „Ich hoffe, dass wir hier einen Beitrag leisten können, diesen Dialog und die Zusammenarbeit voran zu treiben.“ Und Muschick ergänzte: „Stiftungen können einen Experimentierraum zur Verfügung stellen, wie es weder Wirtschaft noch Politik schaffen.“

Sich Experimenten zu stellen, das ist etwas, was die Stammgäste von innogy Stiftungstagen ja bereits kennen: „Sich berieseln zu lassen, das gibt es hier nicht“, so Bilabel. „Zusammenarbeit kann nur funktionieren, wenn man selber anpackt.“

„Wir brauchen ein Netzwerk der Räume des Gelingens“

Also ging es nach dem Panel flugs über in das „World Café“, ein bereits beim Stiftungstag 2015 erfolgreich erprobtes Diskussionsformat. Auf Kleingruppen verteilt, debattieren dabei alle Gäste an moderierten Tischen verschiedene Facetten des guten Lebens. Die gesamten Erkenntnisse aus den einstündigen Diskussionen würden den Rahmen hier im Blog sprengen, daher nur ein paar Stichworte von jedem Tisch:

Infrastruktur: „Energiewende vor Ort“ ist eines der zentralen Themen der innogy Stiftung – und ihre Bedeutung wurde auch auf Zollverein deutlich. „Teilhabe kann nur lokal funktionieren – wir müssen Energiewende daher im Quartier gestalten“, sagte Moderator René Mono. Hier werde besonders deutlich, wie sehr sich die Energiewende an den sozialen Fragen entscheide und wie wichtig Gerechtigkeit sei. Dies gelte nicht zuletzt für die Kosten – was auch Peter Terium im Interview betonte.

Allein im Quartier zu denken, reiche jedoch nicht, so Mono: „Wir brauchen ein Netzwerk der Räume des Gelingens – von lokaler Umsetzung bis zu global gesetzten Rahmenbedingungen. Das sollte die Aufgabe von Stiftungen sein.“

Klimanetzwerke: Die Debatte an diesem Tisch drehte sich um die wohl wichtigsten Fragen der Energiewende: Wie kann man die Bürger mitnehmen? Wie schaffen wir es, aus Partizipation mehr als nur ein „Buzzword“ zu machen? Nijmegens Bürgermeister Bruls zitierte ein Sprichwort aus seiner niederländischen Heimat: „Bei uns heißt es: Etwas zusammen zu machen, dauert länger, aber man kommt eben auch weiter.“

Netzwerken und das Entwickeln neuer Formate brauche zugleich den Mut, auch mal daneben zu liegen, ergänzte Simone Raskob, seine Ko-Moderatorin am Tisch: „Wir dürfen die Lust am Scheitern dabei nicht verlernen.“ Umso wichtiger sei es, dass Akteure wie Stiftungen die nötigen Freiräume schafften.

Mobilität: „Der Einstieg in die Zukunft ist der Ausstieg aus dem heutigen Verkehr“, so die Ausgangsthese von Moderator Martin Husmann. So unstrittig dies erschien, so umstritten doch die daraus folgenden Lösungen: Denn werden all unsere Mobilitätsprobleme beseitigt, wenn wir nur noch Elektroauto fahren? Oder fahren wir dann alle emissionsfrei, aber noch genauso schauderhaft in den Stau hinein? Wie also müssen sich öffentlicher und Individualverkehr ergänzen? Die richtigen Fragen stellte die Runde – Antworten konnte es in der Kürze kaum geben.

„Wir müssen Utopien erdenken und erproben“

Lernende Stadt: Die gleiche Erkenntnis entstand auch einen Tisch weiter: „Wir hatten eigentlich gar keine Ergebnisse in der einen Stunde – dafür war das Thema viel zu komplex“, sagte Tim Rieniets. Das Beispiel der Stadt zeigte auch, wie nah Chancen und Risiken durch die Energiewende beieinanderliegen: Sie kann ein Risiko für das soziale Gesamtgefüge der Stadt sein, wenn nur Wohlhabende teilhaben können. Sie kann aber auch viel Positives erschaffen, wenn Partizipation und Dezentralisierung neue Formen der Teilhabe schaffen.

Künstlerische Impulse: „Mit Kunstprojekten können wir gerade Stadtbewohnern eine Stimme geben, die sonst nicht gehört wird“, fasste Moderatorin Katja Aßmann die Debatte „ihres“ Tisches zusammen – ein Gedanke, den auch die innogy Stiftung in vielen Projekten vorlebt. Kunst sei in vielen Fällen eine „verursachende Kraft“ von Veränderung, so Aßmann. Zugleich warnte sie Politik und Wirtschaft davor, Kunst zu instrumentalisieren. „Wir wehren uns dagegen, dass Kunst zum verhübschenden Detail verkommt.

Design und Visionen: „Knappheit als Chance“, „gesellschaftliche Reorganisation als Herausforderung“, „Lernen von der Natur“ – die Designdebatte war vorhersehbar bunt und nach vorne gerichtet. Wir lebten in einer „durch und durch gestalteten Welt“ sagte Moderator Sven Sappelt. Künftig komme es immer mehr darauf an, dass Gestaltung kein Selbstzweck sei, sondern etwas Größerem diene: einem guten Leben.

Oder, um mit Jacob Bilabel zu sprechen: „Wir müssen Utopien erdenken und erproben. Nur so können wir die Zukunft bauen, die wir meinen, wenn wir an ein gutes Leben für alle denken.“ Insofern, auf nach Utopia!

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Kategorien: Bildung, Kultur und Soziale Innovation
Schlagwörter: Energiesparen, Energiewende, Essen, Jürgen Trittin, Peter Terium, Sanaa-Gebäude, Stiftungstag und Zollverein


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