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28. November 2016

Was ist ein gutes Leben, Jürgen Trittin?

Ein Gespräch mit dem ehemaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen), der beim innogy Stiftungstag am 28. November in Essen die Keynote hält.

Herr Trittin, um gleich eine der Leitfragen des Stiftungstages aufzunehmen: „Was ist ein gutes Leben?“
JÜRGEN TRITTIN: Ein gutes Leben besteht aus Teilhabe, aus wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Teilhabe an der Gesellschaft. Das bedeutet, dass jedermann die Chancen, die sich ihm bieten, auch tatsächlich nutzen kann und nicht daran gehindert wird – sei es durch Unverantwortlichkeiten der heutigen oder voriger Generationen. Es geht also um Gerechtigkeit, um Chancengleichheit.

Finden Sie, wir leben in einer Gesellschaft, die das möglich macht?
Im internationalen Vergleich leben wir hier in Deutschland in einer guten Gesellschaft. Darum beneiden uns sehr große Teile der Welt. Wir sollten aber so ehrlich zu uns selbst sein, dass ein Teil unseres guten Lebens darauf beruht, dass wir einen Ressourcenverbrauch an den Tag legen, als hätten wir nicht eine Erde zur Verfügung, sondern anderthalb.

Das klingt nicht nach Gerechtigkeit…
Global betrachtet gewiss nicht. Wir erkaufen uns die Lebenschancen, Wohlstand und Gesundheit, durch verminderte Chancen in anderen Teilen der Welt und für kommende Generationen. In dieser Hinsicht hängen Ökologie und Gerechtigkeit ganz eng zusammen. Viele behaupten ja: Solange es keine soziale Gerechtigkeit gibt, braucht man sich nicht um diesen Ökokram zu kümmern. Ich bin überzeugt, dass beides nicht voneinander zu trennen ist.

„Wir müssen endlich bei uns selbst anfangen.“

Die Debatte um globale Chancengerechtigkeit wird ja seit den 60ern geführt, eigentlich seit dem ersten Entwicklungshilfe-Dollar. Wie ist Ihre Wahrnehmung? Kommt die globale Gesellschaft einem guten Leben für alle näher?
Ich glaube, ja. Angefangen mit dem Brundlandt-Bericht 1987, über die Rio-Konferenz fünf Jahre später, die beide den Begriff der Nachhaltigkeit geprägt haben, bis zu den Nachhaltigkeitszielen der UN 2015 – wir haben viel erreicht.
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass wir uns vom veralteten paternalistischen Ansatz verabschieden. Früher hieß es, man müsse nur den armen Ländern helfen, dann würde alles gut. Heute wissen wir, dass die Verantwortung für das gute Leben aller auf diesem Globus auch den reichen Ländern ins Stammbuch geschrieben werden muss. Wir müssen endlich bei uns selbst anfangen.

Und: Schaffen wir das?
Deutschland hat sich auf vielen Gebieten sehr positiv entwickelt. Wir haben erkannt, dass wir uns von den globalen Folgen unseres Tuns nicht abschotten können – etwa beim Thema Flucht und Migration. Diese Erkenntnis hat sich noch nicht in allen EU-Mitgliedsstaaten durchgesetzt.
Auch was die Reduktion von CO2 betrifft, haben wir schon viel erreicht. Aber wir müssen auch kritisch feststellen, dass unser absoluter Ausstoß immer noch ein Drittel über dem EU-Schnitt liegt. Wir sind also noch lange nicht am Ziel.

Wir reden jetzt viel über das „Wir“. Wer ist „Wir“ und wer ist dafür verantwortlich, dass eine Gesellschaft lebenswert ist?
Die Rahmen zu setzen, das ist ganz klar Aufgabe der Politik. Natürlich ist der Beitrag des Einzelnen wichtig, aber ich bin strikt dagegen, Fragen gesellschaftlicher Veränderung zu reduzieren auf individuelles Verhalten. Das geschieht zu oft…

…Partizipation ist ja schließlich auch schwer en vogue…
Partizipation ist notwendig, allein reicht sie aber nicht aus. Ein Beispiel: Wir Deutschen essen immer weniger Fleisch, weil viele Menschen gegen Massentierhaltung sind. Trotzdem produzieren, und exportieren, wir immer mehr. Die Gewässerverschmutzung nimmt daher zu, der Einsatz von Antibiotika – ich nenne das gerne den „Drogenhandel im Stall“. Es reicht also nicht, Veränderung allein beim Verbraucher abzuladen.

„Ein Drittel Ökostrom, das hat damals niemand gedacht.“

Lassen Sie uns über die Energiewende reden – wir bei der innogy Stiftung beschäftigen uns ja im Besonderen mit deren gesellschaftlichen Auswirkungen. Sie und die Grünen hatten 1998 in der ersten Koalition Schröder großen Anteil, dass die Energiewende auf die politische Agenda kam. 18 Jahre danach stellt sich uns die Frage: Ist die Energiewende „erwachsen“ geworden? Oder steckt sie noch in den Kinderschuhen?
Sie ist erwachsen geworden – zumindest in puncto Stromerzeugung. Nichts ist heute so günstig wie Strom aus Erneuerbaren, wenn wir neu gebaute Erneuerbare-Anlagen mit neu gebauten fossilen Anlagen vergleichen. Insofern haben wir es mit einem „stürmischen jungen Erwachsenen“ zu tun.

Hätten Sie damals erwartet, dass es so schnell geht?
Nein, die Erneuerbaren dominieren heute in einem Maße, das wir nie für möglich gehalten hätten. Ein Drittel Ökostrom, daran hat niemand gedacht: 8% waren damals für 2015 die optimistischsten Prognosen. Da hab auch ich mich schön geirrt. Ja, wirklich „Schön geirrt“ – das ist nicht ironisch gemeint!

Anknüpfend an das Motto des Stiftungstages: Was ist eine gute Energiewende?
Eine, die vervollständigt wird durch Maßnahmen in den Bereichen Wärme und Mobilität. Denn die werden immer noch massiv vernachlässigt. In Gebäuden können Sie CO2 nur nennenswert einsparen, wenn Sie auch die Wärmeversorgung auf Erneuerbare umzustellen – zum Beispiel durch Wärmepumpen, die strombasiert arbeiten. Und zugleich braucht die Energiewende rollende Speicher namens Elektroautos, um wirklich komplett zu werden.

Fahren Sie denn Elektroauto?
Ich fahr gar kein Auto.

Elektrofahrrad?
Noch nicht. In Berlin bin ich damit noch nicht schneller, anders in Göttingen. Aber ich habe mal ein Elektro-Mountainbike getestet. Das macht richtig Spaß. Man strengt sich nicht weniger an, es ist Sport. Aber wie viel schneller man die Berge hochkommt…!

Und wie sieht es sonst aus mit Ihrer privaten Energiewende – beispielsweise in Sachen Photovoltaik? Haben Sie eine Anlage auf dem Dach?
Neulich wollten wir auf unserem Haus eine Anlage installieren, aber das Dach war dafür nicht zugelassen. Das hat mich wirklich geärgert. Aber wir haben bei unserer Wohnung in Berlin seit mehr als zehn Jahren eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach. Ansonsten habe ich es als Minister immer vermieden, privat in Erneuerbare zu investieren, um mich keinem Gerede auszusetzen. Im Nachhinein muss ich sagen: Da ist mir einiges an Rendite entgangen.

Sie sind nun zu Gast beim Stiftungstag der innogy Stiftung, einem Gewächs des RWE Konzerns. Früher zählte RWE zu Ihren größten Gegenspielern. Wieso kommen Sie nach Essen – sind Sie milder geworden in den Jahren in der Politik?
Ich sehe es so: RWE hat lange versucht, sich der Energiewende entgegen zu stellen. Das ist ihnen nicht gut bekommen. Dass der Konzern nun daran arbeitet, sich umzustellen, find ich positiv. Wir kennen unsere Streitigkeiten der Vergangenheit, aber nun machen wir uns vielleicht auf den Weg in ein gemeinsames Morgen.

„Lasst uns gemeinsam dieses kriegsfreie Europa erhalten.“

Herr Trittin, zum Ende eines Jahres mit vielen recht beklemmenden Momenten könnten wir ein paar Mut machende Gedanken gebrauchen: Was macht unsere Welt heute lebenswert? Vielleicht sogar lebenswerter als die Zeit, in der Sie groß geworden sind?
Ich mag solche Früher-Heute-Vergleiche nicht. Der Blick zurück hilft nur beim Lernen aus Fehlern. Für die Gestaltung der Zukunft brauchen Sie ein Ziel. Außerdem ist es eine schwierige Frage an den Vertreter einer Generation, die mit ständig steigendem Wohlstand und – als erster Generation überhaupt – der Erfahrung eines stabilen Friedens in Europa aufgewachsen ist. Meine Botschaft wäre deshalb: Lasst uns gemeinsam dieses kriegsfreie Europa erhalten. Und das funktioniert nur, wenn sich Europa auch in Zukunft nicht abschottet vor der Welt.

Letzte Frage: Gibt es ein politisches Projekt, das Sie gerne noch angehen wollen?
Den Rahmen zu setzen für die notwendige „Dekarbonisierung“, also die Umstellung der gesamten industrialisierten Welt auf eine CO2-neutrale Produktion. Das ist die größte Herausforderung für ein langfristig gutes Leben.

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Kategorien: Bildung und Soziale Innovation
Schlagwörter: Energiepolitik, Energiewende, Essen, Jürgen Trittin und Ruhrgebiet


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