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Beitrag: Die Schönheit des Ruhrgebiets

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2. September 2014

Die Schönheit des Ruhrgebiets

B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße. Seit dem 14. Juni läuft die von Markus Ambach kuratierte Ausstellung entlang der A40 schon, bis zum 6. September ist noch Zeit, um einen Blick auf die künstlerischen Arbeiten im öffentlichen Raum zu werfen. Und besonders auch auf die Orte, mit denen die Kunstwerke sich beschäftigen.

Schatten

Schönheit im Schatten der großen Straße (z.B. unter der Schnettkerbrücke in Dortmund)

Was an Ideen und Konzepten hinter dem Projekt steht, lässt sich auf der Homepage nachlesen. „Entlang der A40 hat sich zwischen Duisburg und Dortmund im Schatten der Kernstädte ein eigenwilliger Stadtraum entwickelt, den das Projekt ‚B1|A40’ seit 2010 erforscht und beschreibt“, heißt es da. Zum Status Quo des Lebens rechts und links dieser Autobahn: „Wo sich die B1 mit ungesehener Härte zur Autobahn auswuchs, entstanden mannigfach schwierige Stadt- und Lebensräume, für die Planung und Politik kaum Lösungsvorschläge finden.“ Und dazu, was das Projekt ganz konkret macht: „Künstlerische Arbeiten verbinden sich mit lokalen Ideen und den Projekten der Menschen vor Ort.“

Bustour entlang der A40

Auch ich will mir einen Blick auf dieses außergewöhnliche Projekt nicht nehmen lassen und partizipiere am 9.8. an einer Bustour entlang der A40. Geführt wird die Gruppe von Markus Ambach. Dem Kurator, oder eigentlich, so betont er selbst, dem Projektautor. Nicht alle Orte und nicht alle Arbeiten bekommen wir in den geplanten drei und dann doch vier Stunden zu sehen. Dabei stehen wir noch nicht einmal, wie sonst so oft auf der A40, im Stau. Aber es sind viele Orte und viele Arbeiten. Und die A40 ist lang. Führt sie doch immerhin quer durch das Ruhrgebiet. Von Duisburg nach Dortmund.

Unsere „Butterfahrt“, so Ambach feixend, beginnt in Mülheim an der U-Bahn-Haltestelle Eichbaum. Ein unwirtlicher Ort, der nicht zum ersten Mal künstlerisch entdeckt wird. 2009 wurde er im Projekt „Eichbaumoper“ (initiiert von raumlabor berlin gemeinsam mit mehreren Musik- und Schaupielhäusern im Ruhrgebiet) musikalisch bespielt. Ich war hier aber auch schon 2007, als das Team um raumlabor berlin im Rahmen von Utopie 18 eine kritische Auseinandersetzung mit der U18 lieferte, dieser U-Bahn-Linie, die entlang der A40 verläuft.

Eichbaum

Schön schangelig? Mülheim, Haltestelle Eichbaum

„Utopie 18“ und „B1|A40 – die Schönheit der großen Straße“ haben noch mehr gemein. Die Bewegung entlang der A40, an der es viele weitere unwirtliche, aber eben auch faszinierende Orte gibt. Und ihren Blick von außen auf das Ruhrgebiet. War es damals das Berliner Künstler- und Architekturkollektiv raumlabor berlin, ist es heute Projektautor Markus Ambach, geboren in Darmstadt, wohnhaft in Düsseldorf.

Und damals wie heute irritiert(e) es mich, an einer Exkursion quer durch das Ruhrgebiet teilzunehmen, die von jemandem geführt wird, der die Außenperspektive beibehält. Der mir von dort aus das Ruhrgebiet und seine Bewohner erklärt.

Spannende Orte in der eigenen Region entdecken

Dabei entdecke ja auch ich als Ruhrgebietler auf dieser Tour neue und durchaus spannende Orte neu. Denn mit Feingefühl hat Ambach wirklich genau solche Orte aufgespürt, an denen Widersprüche deutlich erkennbar sind, Gegensätze sichtbar werden. An denen Menschen sich Raum angeeignet haben, im Schatten dieser großen Autobahn, die wir lieben und hassen und die wir nicht mehr wegdenken können aus unserem Ruhrgebiet. Tunertreffs, Bordelle, Bürgerinitiativen, SM-Studios, Autobahnkirchen … Lebendig geht es im Dunstkreis der A40 zu, in diesem Raum, den es eigentlich gar nicht gibt, weil so nah an einer Autobahn gar nicht gebaut werden dürfte.

City Works

Schon 1971 entdeckte Allan Kaprow in Bochum-Hamme den Reiz, an der großen Straße Kunst zu machen

Besonders deutlich wird dieses Zusammentreffen verschiedener Welten in Bochum-Hamme. „B1|A40“ beleuchtet hier mit einer Ausstellung in einem Kellerraum eindrücklich, was sich im Schatten der großen Straße so tut und getan hat. In einem Haus, in dem heute einerseits der SM-Club „Stahlwerk“ und andererseits der Tanzverein „Ruhr-Casino Bochum“ Raum finden, führte einst Inge Baecker ihre legendäre Galerie. In unmittelbarer Nachbarschaft dieses Gebäudes findet sich eine Autobahnkirche. Und bis vor Kurzem gab es hier auch noch die größte türkische Diskothek Europas (Taksim) und das größte Bordell der Region (Freude 39).

Anders als in Bochum-Hamme erschließt sich der Zusammenhang der künstlerischen Arbeiten mit dem jeweiligen Ort mir andernorts nicht immer. Warum die aus Holz und Glas gefertigten Häuschen der Künstlerinnen Christine und Irene Hohenbüchler, die zum Nachdenken über fahrende Völker wie Sinti und Roma anregen, gerade auf einem Feld neben dem Trampelpfad stehen, den sich Anwohner eines Wohnblocks hin zur Haltestelle Eichbaum immer wieder neu erschließen, obwohl die Stadtplaner einen anderen Weg vorgesehen haben, leuchtet mir nicht ein. Jedenfalls nicht unmittelbar.

Haeuschen

Vielleicht erschließt sich der Kontext ja mittelbar?

Vielleicht hätte ein stärker dialogisch angelegtes Kuratoren-, pardon, Projektautorgespräch mehr Einsichten bringen können. Warum ich nicht einfach pro-aktiv nachfrage? Weil ich im Laufe der Exkursion beginne, mich nicht mehr stimmberechtigt zu fühlen. Unmündig. Ambach spricht über „die Menschen im Ruhrgebiet“, die eine große soziale Kompetenz an den Tag legen, das sähe man zum Beispiel an ihrem Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum. Daran, dass die Arbeiten nicht zerstört werden. Und daran, wie die Menschen hier im Schatten der A40 miteinander umgehen.

Trotzdem bereitet sich Unbehagen aus

Das sind doch nette Worte über das Ruhrgebiet und den Ruhrgebietler. Und trotzdem breitet sich in mir Unbehagen aus. Es wächst und wächst. Und es wächst eine Zeile aus einem Liedtext von Thomas D daraus, die mir im Kopf herumschwirrt: Sprich mit mir, nicht über mich.

Vielleicht habe ich im Studium zu viel mit Postkolonialismus zu tun gehabt, aber mich beschleicht das Gefühl, als bekäme ich hier einen Blick auf das Ruhrgebiet, der nur dem ersten Schein nach auf Augenhöhe bleibt. Immer mehr drängt sich der Eindruck auf, als schaute da jemand von sehr weit oben herab auf das Ruhrgebiet. Jemand, der zwar den Tunern und Bauern und SM-Studio-Betreibern und überhaupt den Menschen rechts und links der A40 mit aufrichtigem Interesse begegnet, aber sie zugleich wie exotische Lebewesen betrachtet. Der Ruhrgebietler an sich ist sozial kompetent, lerne ich und kann doch nicht dankbar sein für dieses Kompliment. Hier wird Leben rechts und links der A40 ausgestellt.

Bin ich bloß überempfindlich? Übertreibe ich, wenn ich beim Durchmarsch durch die Gartenstadt Schönau, die als eher elitärer Ort genau wie all die „prekären Orte“ im Schatten der A 40 liegt, das Gefühl habe, wir begutachteten den wohlsituierten Ruhrgebietler in seinem natürlichen Lebensraum? Zumindest der Vergleich mit einer Weltausstellung, der mir ebenfalls durch den Kopf schießt, ist wohl übertrieben.

Aber: Ja, ich bin Lokalpatriot. Und: Ja, ich habe es satt, dass Menschen von außerhalb des Ruhrgebiets durch die Region laufen und entweder sagen: Ach guck, ist ja doch auch schön und grün hier an manchen Ecken. Oder: Aber schau mal, all dieser Beton, das Schangelige, das Prekariat, das ist doch auch irgendwie schön, weil spannend. Beides nervt, auch wenn beide Sichten auf das Ruhrgebiet wohlwollend sind. Oder gerade weil beide Sichten so furchtbar wohlwollend sind. Ich lebe hier seit 33 Jahren. Ich möchte mir nicht erklären lassen, dass es aus dem einen oder anderen Grund schön und spannend sein kann, hier zu leben oder zumindest mal Kunst hier zu machen. Ich habe das ganz allein rausgefunden.

Aber mich fragt ja keiner. Denke ich beleidigt. Vielleicht bin ich ungerecht. Markus Ambach kann ja nichts dafür, dass vor ihm schon viele andere Menschen viele Dinge von außen her und von oben herab über das Ruhrgebiet gesagt haben. Abwertend oder begeistert. Aber eben immer wieder aus einer Perspektive, die mir nicht passt. Die mich nicht einbezieht, sondern außen vor lässt.

Nein, Markus Ambach kann nichts dafür. Aber er verliert mich schließlich auf unserer letzten Etappe, rund um die A40 in Dortmund. Er verliert mich unter der Schnettkerbrücke unweit der Gartenstadt Schönau.

Verloren unter der Autobahnbrücke

Da stehen wir. Linker Hand eine Arbeit von Christian Odzuck, die mich weit weniger interessiert als die Forschungsergebnisse der Gruppe „Forschungslabor Ruhrbanität“ rund um die Landschaftsplanerinnen Christa Reicher und Ilka Mecklenbrauck, die sich in dieser Arbeit zeigen sollen, über die wir aber leider nichts weiter erfahren. Rechter Hand die Emscher, die hier in Dortmund bereits sauber und naturnah umgestaltet wieder wunderschön und wild mäandert daher fließt. Über unseren Köpfen die A40. Ambach lässt es sich nicht nehmen, auch ein paar Sätze zum Emscherumbau zu sagen. Sinngemäß geht es in seinen Sätzen darum, dass es doch erstaunlich ist, wie omnipotent man meine, hier einfach Natur wieder aufbauen zu können. Und was das alles kosten würde.

Ambach

Begegnung auf Augenhöhe? Projektautor Markus Ambach

Da stehe ich also unter der Autobahnbrücke, linker Hand eine künstlerische Arbeit, zu der ich noch keinen Zugang gefunden habe, rechter Hand einen sauberen Fluss. Was glaube ich wohl, bringt mehr für das Ruhrgebiet, für die Lebensqualität, für die sozialkompetenten Menschen hier? Die Frage ist leicht zu beantworten, wenn man an einem heißen Sommertag in Emschernähe spazieren geht, da, wo sie noch nicht umgebaut ist. Sie ist leicht zu beantworten, wenn man im Ruhrgebiet wohnt. Sie lässt sich aber auch hier, unter der Autobahnbrücke, mit dem Blick auf die Emscher, ins Emschertal sehr spontan beantworten. Ließe sich beantworten. Aber mich fragt ja keiner. Sprich mit mir, nicht über mich.

Die sozialkompetenten Menschen im Ruhrgebiet haben doch weiß Gott genug darunter zu leiden, dass die Montanindustrie, die ja nun einmal ganz Deutschland und beileibe nicht nur der Region diente, hier ihre Ewigkeitslasten hinterlässt. Und jetzt dürfen wir noch nicht einmal unsere Flüsse wiederhaben? Vielleicht, weil es sonst zu schön und zu grün werden könnte, und wo bleibt dann noch Raum für das Prekäre?

Emscher

Emscher – die Schönheit rechts und links der A40

Die Exkursion ist fast beendet. Von der Schnettkerbrücke geht es weiter zu einer Arbeit von Performance Electrics. Pablo Wendel, Künstler und Geschäftsführer von Performance Electrics erwartet uns auf einem Hügel inmitten seiner Windkraftanlage und erläutert sein Konzept des Kunststroms: Wer zum Anbieter Performance Electrics wechselt, unterstützt damit die Produktion von Kunst im öffentlichen Raum. Eine nette Idee, denke ich. Aber schön wäre es, wenn diese Kunst sich auf Augenhöhe bewegte. Nicht wie ein Ufo über dem Ruhrgebiet schwebte, ohne wirklich bei den Menschen hier anzukommen.

Kunststrom

Kunststrom – eine nette Idee

Aber machen Sie sich selbst ein Bild. Am 6.9.2014 gibt es anlässlich der Finissage noch einmal die Möglichkeit an einer Bustour entlang der A40 teilzunehmen.

Bustour und Finissage

12:30 Bustour entlang der Ausstellung B1|A40 Die Schönheit der großen Straße: Geführte Bustour mit Kurator Markus Ambach zu den verschiedenen Ausstellungsorten an der A40. Die Tour dauert etwa 4 Stunden. Anmeldung erforderlich unter: info@urbanekuensteruhr.de. Ort/Abfahrt: Wird noch bekannt gegeben

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Ausstellung, Bochum, Dortmund, Kultur, Kunst und Ruhrgebiet


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